Im Jahr 2035 wird Deutschland eine der ältesten Bevölkerungen der Welt haben. Knapp die Hälfte der Menschen wird dann 50 Jahre und älter, jeder dritte Mensch älter als 60 sein. Doch vielfach wächst mit dem Anstieg des Durchschnittsalters und der Lebenserwartung auch der Anteil von Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Chronische Erkrankungen und Behinderungen treten überwiegend erst in fortgeschrittenem Lebensalter auf, heißt es in der Broschüre „Wirtschaftsfaktor Alter“ des Bundeswirtschaftsministeriums (2010). Im Jahr 2009 lebten in Deutschland rund 9,6 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Behinderung, mehr als 20 Millionen leiden unter einer sogenannten Mobilitätseinschränkung, und wieder weitere sind vorübergehend eingeschränkt, etwa nach einer Operation oder durch eine Schwangerschaft.

„Deshalb werden barrierefreie Angebote immer wichtiger, um für solche Menschen passende Angebote zu schaffen“, erläutert Dr. Rüdiger Leidner, Vorsitzender des Vereins Tourismus für alle (NatKo). Gerade im Gastgewerbe entwickele sich das mehr und mehr zu einem entscheidenden Faktor. Schließlich gelte, dass behinderte Menschen Hotels und Gaststätten genauso nutzen wollen wie alle anderen. „Gleichzeitig spielt das aber bislang eine viel zu geringe Rolle. Ausgehend von der DIN 18040, die die Barrierefreiheit definiert, und von der „Zielvereinbarung zur Barrierefreiheit im Gastgewerbe und deren Weiterentwicklung‘ gibt es einfach zu wenig barrierefreie Angebote im Tourismus“, beklagt der Experte.

Dabei sei Barrierefreiheit gar nicht nur für Schwerbehinderte notwendig. „Sie ist für zehn Prozent der Bevölkerung unentbehrlich, für 40 Prozent notwendig und für 100 Prozent komfortabel und ein Qualitätsmerkmal“, heißt es in „Wirtschaftsfaktor Alter“. Das betont auch Rüdiger Leidner. „Die richtig umgesetzte Barrierefreiheit ist ein Komfortgewinn für jedermann. Deshalb sollten Hoteliers und Gastronomen die wirtschaftlichen Möglichkeiten endlich begreifen. Wir hören häufig noch das Argument, Barrierefreiheit lohne sich nicht, so viele Menschen mit Behinderung gebe es ja auch nicht.“ Das sei aber aus zwei Gründen falsch. Zum einen würden immer mehr Menschen barrierefreie Angebote bevorzugen.

Dr. Rüdiger Leidner, Vorsitzender des Vereins Tourismus für alle (NatKo)

Dr. Rüdiger Leidner, Vorsitzender des Vereins Tourismus für alle (NatKo) (Foto: privat)

Leidner nennt ein Beispiel aus einem deutschen Kurort, in dem vor allem Familien mit kleinen Kindern den Zimmern mit bodengleicher Dusche den Vorrang geben würden. „Zum anderen sind Menschen mit Behinderung in den allermeisten Fällen nicht allein unterwegs, sondern werden von Familienmitgliedern oder Freunden begleitet. Damit verkauft ein Hotelier mit barrierefreien Zimmern in der Regel gleich weitere Zimmer mit, und der Gastronom, der sich auf die Zielgruppe eingestellt hat, gewinnt beispielsweise Gesellschaften für Feiern.“ Diese Umsätze würde er ohne Barrierefreiheit nicht tätigen. „Deshalb schaffen solche Angebote einen echten Wettbewerbsvorteil, das Thema besitzt großes wirtschaftliches Potenzial“, betont Dr. Rüdiger Leidner.

Vor den Investitionen sollten sich Unternehmer dementsprechend nicht scheuen. Natürlich: Ein barrierefreier Umbau der Bäder etc. kostet Geld. Aber auch schon kleine Maßnahmen können helfen, führt der NatKo-Vorsitzende aus. Dazu zählt er beispielsweise die Anpassung von Schriftgrößen und die Schaffung von mehr Kontrasten für Sehgeschädigte. „Das ist im Rahmen einer normalen Renovierung zu leisten.“ Wichtig für den Experten ist es, dass Unternehmer Barrierefreiheit auch unter Design-Gesichtspunkten verstehen. Barrierefreie Zimmer dürften nicht wie Krankenräume anmuten – das würde Gäste verschrecken. „Funktionalität ist die Basis, gutes Design ist die Kür“, sagt Leidner.

Weiter auf Seite 2: „Smarte Besonderheiten: Vorbildlich setzt übrigens die Kette Scandic Hotels das Thema um: „Wir sind uns bewusst, dass …“ »