Nach wie vor ist die Tourismusbranche von einer Wegwerf-Mentalität dominiert. Mini-Amenities in den Bädern und auf den Zimmern im Allgemeinen sowie Kleinverpackungen bei Frühstück-Buffets sind vielerorts an der Tagesordnung. Doch das ist nur das Offensichtliche, denn bei der Bauweise wird kaum auf Wertstoffkreisläufe, bei zugekauften Möbeln kaum auf die Herkunft und Zusammensetzung geachtet. „Das nachwachsende Hotelzimmer“ des Creativhotels Luise zeigt einen Weg auf, wie ein nachhaltiger und ressourcenschonender Tourismus möglich ist, ohne den Geldbeutel der Kunden über die Maße zu belasten. Das Konzept des „nachhaltigen Hotelzimmers“ ist auf jedes Hotel oder jede Pension ebenso skalierbar wie auch auf private Wohnräume. Es basiert grundsätzlich auf dem Cradle-to-Cradle-Prinzip, einer ganzheitlichen Betrachtungsweise der verwendeten Ressourcen von Anfang bis Ende:

„Unser Ziel war es, etwas Neues zu schaffen. So außergewöhnlich, dass es auch für uns eine große Herausforderung wird. Nachhaltigkeit hat in vielen Betrieben an Bedeutung gewonnen, und auch die Hotelindustrie wird zunehmend ‚grüner‘. Das ist natürlich erfreulich. Obwohl sich viele Unternehmen fast ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen zur Nachhaltigkeit erziehen. Nachhaltigkeit wird Teil der Marketingstrategie – ein ganzheitliches Konzept fehlt meistens“, sagt Inhaber Ben Förtsch. „Wer langfristig dem Klimawandel entgegenwirken will, muss das Gesamtbild betrachten. Genau das versuchen wir mit dem nachwachsenden Hotelzimmer. Abriss, Umbau, Ressourcennutzung und Recycling wurden und werden nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip betrachtet und so nachhaltig wie möglich umgesetzt. Dabei verlieren wir den Komfortanspruch des Gasts nicht aus den Augen.“

Förtsch sitzt im nachwachsenden Hotelzimmer: „Deuten Sie auf irgendetwas, was Sie sehen, und ich erkläre das Prinzip.“ Los geht’s – der Teppichboden: 100 Prozent wiederverwertbare Teppichfliesen aus ausgedienten Fischernetzen. Sie sind langlebig und schalldämmend, aber auch komplett wiederverwertbar. Die Matratzen: Kokos-Matratzen ohne Zusatzstoffe – und super-bequem. Die Möbel: keine Lacke, nur geölt, keine Nägel, wenig Schrauben, dafür biologisch abbaubare Kleber. Wird das Holz nicht mehr benötigt, kann es wieder für Möbel verwendet werden. Die Decke: holzschonende Decken aus Stroh ohne formaldehydhaltigen Kleber. Die Wandverkleidung: Gepresstes Heu, auch noch gut fürs Raumklima und den Duft im Zimmer. Im Bad: neben der „Raumfahrtdusche“ Fliesen, die aus alten Fliesen bestehen und nur eine ganz dünne neue Schicht aus ökologisch verträglichen Materialien haben. Selbst die Bücher in der kleinen Leseecke kommen ausschließlich aus der Region. Nur die Elektrik ist aus Sicherheitsgründen Standard.

Ben Förtsch: „Das nachwachsende Hotelzimmer zeigt, wie sich eine bis ins kleinste Detail geplante nachhaltige Wohnkultur auch in einem Businesshotel installieren lässt und dass diese nicht im herkömmlichen Sinne ‚öko‘ sein muss.“ Das maßgeschneiderte, einzigartige Design des Interieurs begeistert Gäste auf einer neuen Ebene für das Thema Nachhaltigkeit, das nun mit Komfort, Design und einem verträglichen Luxus assoziiert wird. Einen Unterschied zum „klassischen“ Hotelzimmer spürt man erst auf den zweiten Blick – oder eben auf Nachfrage.

Dabei soll der Gast die Besonderheiten durchaus erfahren: Das Hotel pflegt eine subversive Informations- und Bildungskultur. Es erzieht und motiviert intrinsisch und visuell zur Nachhaltigkeit. Die Broschüre „Gut schlafen können“ – gedruckt natürlich klimaneutral auf Recyclingpapier und mit mineralölfreien Druckfarben – liegt in jedem Zimmer aus und zeigt die Philosophie des Hauses. Dieses Sendungsbewusstsein gilt nicht nur den Gästen, auch die Hotelbranche profitiert: Als Pionier der nachwachsenden, klimapositiven Hotellerie teilt Ben Förtsch gerne seine Erfahrungen.

Strom sparen & die Co2-Bilanz verbessern

Die Sat-Anlage

Eher zufällig ist Ben Förtsch auf den Stromverbrauch seiner Sat-Anlage gestoßen. Die neue Anlage verbraucht jetzt 90 Prozent weniger Strom. Die Investition rechnet sich dadurch natürlich noch nicht  sofort, aber jetzt hat er eine moderne Anlage – und die Gäste sogar noch mehr Programme.

Die Schnittblumen

Frische Blumen haben meist eine schlechte CO-Bilanz, weil sie aus fernen Ländern geliefert werden. Förtsch arbeitet ausschließlich mit einer regionalen Gärtnerei zusammen, die die Pflanzen selbst aufzieht. Gibt es keine Blumen in der Region, dekoriert er die Tische mit Tannenzweigen und Wintergewächsen.

Das Cradle-to-cradle-prinzip

Das Konzept des „Cradle-to-Cradle“ (C2C), deutsch: „Von der Wiege zur Wiege“, ist die Vision einer abfallfreien Wirtschaft, bei der Firmen keine gesundheits- und umweltschädlichen Materialien mehr verwenden und alle Stoffe dauerhaft Nährstoffe für natürliche Kreisläufe oder geschlossene technische Kreisläufe sind. Kompostierbare Textilien, essbare Verpackungen, reine Kunststoffe oder Metalle, die unendlich oft für denselben Zweck verwendet werden können, sind die Elemente. Dabei geht es nicht um Recycling im Sinne von Downcycling, wo aus „verbrauchten“ Produkten minderwertige Produkte entstehen. Recycling nach dem C2C-Prinzip bedeutet, dass das Material ohne Qualitätsverlust immer wieder für dasselbe Produkt wiederverwendet werden kann, weil es sich um reine Materialen (z.B. reine Kunststoffe, pures Holz) handelt.

(Foto: Creativhotel Luise)

Tankstelle der nächsten Generation

Das Creativhotel Luise war eines der ersten, die eine Solartankstelle anboten – und das schon 1993, nicht zuletzt, um damals das hoteleigene Elektromobil aufzuladen. Dass es auch jetzt Ladestationen für Elektroautos gibt, ist eigentlich selbstverständlich. E-Tanken ist im Creativhotel Luise aktuell im Zimmerpreis enthalten. Doch mehr noch: Das Ambiente ist wohl einzigartig. „Möge der Strom mit euch sein“ steht in Anspielung auf Star Wars an der Wand, an der neben den „normalen“ Ladesystemen eine Ladestation für Tesla installiert ist. Das Hotel ist in Erlangen und Umgebung der einzige Destination-Partner von Tesla. „Bei uns werden Elektromobile außerdem zu 100 Prozent mit ERconomy proNatur, dem Grünstrom der Erlanger Stadtwerke, geladen. Das ist ökologisch nachhaltig und positiv für unsere Klimabilanz“, freut sich Ben Förtsch.