gastgewerbe-Magazin: Herr Putzlocher, welche Philosophie steckt hinter der Berufsfachschule für Hotel- und Tourismusmanagement?
André Putzlocher: Unsere Schule will leistungsstarke und dienstleistungsorientierte junge Menschen für die schönste Branche der Welt begeistern und auf das sehr breite Aufgabenspektrum der „Gästebegeisterung“ vorbereiten. Sie füllt eine bisher bestehende Lücke im beruflichen Bildungssystem, weil die dualen Ausbildungsangebote sehr praxislastig sind, aber das direkte Studium andererseits Basisqualifikationen vermissen lässt. Die Ausbildung zu Assistenten für Hotel- und Tourismusmanagement vermittelt durch praktischen Unterricht und mindestens drei Betriebspraktika die wesentlichen Qualifikationen für gastorientierte Branchen, integriert aber durch vertiefte allgemeinbildende und kaufmännische Inhalte die notwendigen Fachkenntnisse für Führungspositionen.
Wie ist die Schule aufgebaut, welche Besonderheiten hat die Ausbildung in Wiesau?
Grundlage der Berufsfachschule für Hotel- und Tourismusmanagement ist das Konzept einer Doppelqualifikation: Schülerinnen und Schüler erreichen nach drei Jahren schulischer Ausbildung inklusive mindestens sechs Monaten einschlägiger Praktika die Berufsbezeichnung staatlich geprüfte/r Assistent/in für Hotel- und Tourismusmanagement und gleichzeitig die allgemeine Fachhochschulreife. Die Anforderungen sind hoch: Circa 40 Unterrichtsstunden pro Woche, 19 Unterrichtsfächer und rund 3 800 Stunden Gesamtumfang belegen den hohen Anspruch der schulischen Ausbildung. Besonders wichtig für die Entwicklung der Schüler sind die Betriebspraktika, von denen über ein Drittel im Ausland – bislang in 18 Ländern weltweit – und zwar durchweg in anspruchsvollen und angesehenen Betrieben abgeleistet wurden.
Um welche Inhalte geht es? Welches Wissen bekommen die jungen Menschen vermittelt?
Die Ausbildung an der Berufsfachschule ruht auf sechs Säulen:
1. Dienstleistungspersönlichkeit: Ehrliches Engagement für den Kunden, Offenheit, kulturelle Sensibilität, Zuverlässigkeit, gepflegtes Auftreten, absolute Kundenorientierung, Integrität und allzeit positive Grundeinstellung sind typische Eigenschaften von Assistenten für Hotel- und Tourismusmanagement.
2. Allgemeinbildung: Absolventen sollen nicht nur die Fachhochschulreife bestehen, sondern auch in der Lage sein, sich mit Gästen über beliebige Themen zu unterhalten.
3. Sprachen: Absolventen sollen sich weltweit verständigen können und insbesondere die tourismusrelevanten Sprachen Englisch und Spanisch beherrschen.
4. Kaufmännische Bildung: Problemstellungen aus den Bereichen Marketing, Materialwirtschaft, Personalwirtschaft, Finanzwirtschaft und Controlling, Qualitätsmanagement und Organisation können die Schüler lösen.
5. Arbeitstechniken: Die gängigen Kommunikations-, Führungs-, EDV-, Kreativitäts- und Teamarbeitsinstrumente werden von den Absolventen adäquat angewendet.
6. Fachwissen und -fertigkeiten: Typische Aufgabenstellungen aus den Bereichen Restaurant, Beherbergung, Destinationsmanagement, Reisevermittlung, Reiseveranstaltung und Event-Management können die Schüler eigenverantwortlich lösen.
Welche Qualifikationen haben die Absolventen? Für welche Berufe und Tätigkeiten sind sie aus Ihrer Sicht besonders geeignet?
Zwei Dinge sind klar: Die angehenden Assistenten für Hotel- und Tourismusmanagement werden nicht ab dem ersten Arbeitstag Manager sein und werden sich in fast jede konkrete Stelle einarbeiten müssen. Dass sie letzteres aber sehr schnell schaffen werden, beweist die bestandene allgemeine Fachhochschulreife. Prinzipiell eignen sich die Absolventen der Berufsfachschule für alle anspruchsvollen Tätigkeiten in kundennahen und gastorientierten Betrieben, sei es in der Hotellerie, in der Gastronomie, im Event- oder Destinationsmanagement, in der Reisevermittlung oder -veranstaltung. Auch wenn der Einstieg in der Regel in Basisfunktionen erfolgt, bringen unsere Absolventen das Rüstzeug für mittlere Führungsebenen mit. Klar ist aber auch, dass unsere Ausbildung nicht die klassische Ausbildung zum Hotelfachmann oder Restaurantfachmann ersetzen kann und will.
Inzwischen haben drei Jahrgänge Ihre Schule verlassen. Wie geht der Karriereweg der jungen Menschen weiter? Welche Perspektiven haben sie?
Die Perspektiven sind die allerbesten. Etwa ein Drittel der jungen Damen und Herren geht nach der Ausbildung direkt in die Hotellerie. Das Renaissance München Hotel, der Bayerische Hof München, der Bayerische Hof Lindau, der Angerhof Sankt Englmar oder das Delmon Hotel in Dubai sind Beispiele für bisherige Arbeitgeber. Ein weiteres Drittel der Absolventen findet interessante Tätigkeitsfelder in der Reisevermittlung (z.B. nix-wie-weg.de, Reisebiene), in der Reiseveranstaltung (z.B. DCS-Touristik, V-Tours, Schmetterling-Reisen, generation snow) oder im Destinationsmanagement (z.B. Tourismusverband München-Oberbayern). Auch für ein anschließendes Studium bietet die Berufsfachschule beste Voraussetzungen: Ein knappes Drittel der Absolventen studiert Tourismus-, Hotel-, Kulturmanagement oder BWL mit bisher großartigen Ergebnissen. An der überfälligen Anerkennung der beruflichen Vorkenntnisse auf das Studium arbeiten wir derzeit.
Der Freistaat Bayern installiert zu Beginn des neuen Schuljahres drei weitere Schulen nach dem Wiesauer Modell in Freilassing, Grafenau und Bad Wörishofen, drei weitere Privatschulen starten mit dem gleichen Konzept. Konkurrenz für Sie?
Unserer Erfahrung nach gibt es im Grunde nur eine Ursache, die geeignete Schüler von einer Bewerbung an der Berufsfachschule und Betriebe von der Einstellung von Praktikanten bzw. Absolventen abhalten: Sie kennen die Berufsfachschule für Hotel- und Tourismusmanagement oder deren Ausbildungskonzept nicht. Deshalb freuen wir uns darauf, dass bald Mitstreiter helfen, die Bekanntheit des Berufsbildes und der Berufsfachschule zu erhöhen. Insgesamt gibt es für die Schule für Hotel- und Tourismusmanagement Wiesau, die erst 2005 als Schulversuch gegründet wurde, kein größeres und ehrlicheres Kompliment als die Errichtung von Kopien. Hierzu passt ein Satz von Mark Twain besonders gut: „Man ist so lange ein Spinner, bis man Erfolg hat.“ Das Wiesauer Modell ist eindeutig ein Erfolgsmodell.
Auch andere Regionen informieren sich in Wiesau über das Schulmodell. Welche Perspektiven hat diese Ausbildungsrichtung und diese Art der Ausbildung?
Sehr gerne laden wir jeden zu uns ein, der sich über die zukunfts- und praxisorientierte Ausbildung im Hotel- und Tourismusmanagement informieren möchte. Den Besucher werden die hervorragenden Schülerinnen und Schüler – 2010 haben drei Viertel der Absolventen eine 1 vor dem Komma – sehr schnell davon überzeugen, dass sie auch hervorragende Perspektiven haben. Will man die Frage nach der optimalen Ausbildung für die Touristik prinzipiell stellen, so stechen erstens die sehr starke Diversifikation, die gegenseitige Abhängigkeit der Leistungsträger, die Nischenbildung und Kooperationsbereitschaft der Branche ins Auge. Antworten könnte entweder eine ebensolche Differenzierung der Ausbildung auf 15 neue Berufe mit den bekannten Problemen geben oder eine Ausbildung zum „Schweizer Taschenmesser“, also zur Allzweckwaffe für alle touristischen Aufgaben. Diese Betonung der Schlüsselqualifikationen der Dienstleistungsbranche ist aus einem zweiten Grund Hauptmerkmal des Wiesauer Modells: Die Kunden in Touristik und Hotellerie drängen mehr und mehr die Unternehmen, ihnen einen Ansprechpartner, einen Betreuer für alle Leistungsbereiche zu nennen. Das bedeutet die organisatorische Umstellung der Funktions- hin zu einer Prozessorientierung: Der Mitarbeiter wandelt sich vom Erfüller einer speziellen Aufgabe hin zum Betreuer eines Kunden über den gesamten Leistungsprozess. Deshalb hat das Wiesauer Ausbildungsmodell beste Perspektiven. Es spricht die ganze Breite des touristischen Leistungsprozesses an und betont die Schlüsselqualifikationen. Absolventen können Gäste in der Touristik umfassend kompetent betreuen.


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