gastgewerbe Magazin: Wie sieht die Ausbildungssituation in Deutschland aus?
Eva-Maria Rühle: Der Mangel an Fachkräften wird sich, wie seit vielen Jahren prognostiziert, in den nächsten Jahren im Dienstleistungsbereich besonders gravierend auswirken. Es wird ohne erhebliche Anstrengung aller Beteiligten nicht möglich sein, die angebotenen Stellen qualitativ gut zu besetzen. Der Rückgang an abgeschlossenen Ausbildungsverträgen um rund sieben Prozent ist hier nur der Beginn. Ich befürchte, dass sich das in den nächsten Jahren noch weiter nach unten verschieben wird.
Wir werden gezwungen sein, verschiedene Wege zur Rekrutierung von Fachkräften einzuschlagen. So gibt es beispielsweise weitere Modelle im Ausbildungsbereich, sowohl für höher Qualifizierte, aber auch für Jugendliche mit Schwächen im Theoriebereich. Wir bemühen uns bereits heute um Jugendliche mit Migrationshintergrund, die häufig für Dienstleistungsberufe ausgezeichnet geeignet sind. Es wird auch darum gehen, familienfreundliche Arbeitsmodelle anzubieten, die Wiedereingliederung nach Babypausen für Frauen zu erleichtern. Sicher werden wir uns auch verstärkt mit Modellen für angelernte Kräfte befassen.
Was sind die spezifischen Probleme von Unternehmen, Bewerber zu finden, und von Bewerbern, Unternehmen zu finden?
Ein Problem von Unternehmen ist derzeit natürlich die enorme Konkurrenz zu Industrieberufen und Berufen, die für Jugendliche vermeintlich oft interessanter scheinen als Dienstleistungsberufe. Allerdings ist leider auch nach wie vor ein sehr großes Defizit vieler Jugendlicher in Bereich von Kommunikationsfähigkeit, Belastbarkeit, Durchhaltevermögen und auch in den Bereichen Schreiben, Lesen und Rechnen zu verzeichnen. Dies erschwert die Ausbildung enorm. Kleinen und mittelständischen Betrieben kann es meiner Meinung nach nicht zugemutet werden, den Azubis die in der allgemeinbildenden Schule nicht erlernten Fähigkeiten zu vermitteln.
Stichwort demografischer Wandel: Wann wird dieses Problem voll durchschlagen?
Der demografische Wandel ist bereits im Gange, er wird sich in den nächsten Jahren extrem verstärken. Die Jugendlichen, die in den nächsten 15 Jahren in Ausbildung kommen sollen, sind geboren, die Zahlen liegen auf dem Tisch. Es muss hier nicht mehr spekuliert werden.
Was tut der Bundesverband im Bereich der Berufsausbildung?
Der DEHOGA Bundesverband macht eine gute Lobbyarbeit im Bereich Berufsbildung, arbeitet mit im DIHK-Bildungsausschuss und leistet Hilfestellung für die Arbeit in den Bundesländern. Die eigentliche Arbeit aber muss vor Ort gemacht werden. Wir müssen vermehrt schon in Schulen, wenn nicht sogar im Kindergarten, für unsere wunderschönen Berufe werben, und wir müssen vermehrt positive Beispiele, also gut und erfolgreich ausbildende Betriebe, in der Öffentlichkeit darstellen. Es geht darum, die vielen positiven Punkte unserer Berufe stärker öffentlichkeitswirksam herauszustellen. Ein gutes Beispiel ist hier für mich die Initiative Ausbildungsbotschafter in Bayern.
Warum sollte ein junger Mensch eine Lehre im gastgewerblichen Bereich anstreben?
Weil es Spaß macht, mit Menschen und für Menschen zu arbeiten. Weil der Beruf weltweit ausgeübt werden kann. Weil es keine Arbeitslosigkeit gibt, auch in konjunkturell schlechten Zeiten. Weil es ein unwahrscheinlich abwechslungsreicher Beruf ist, der es auch zulässt, sich nach einer umfassenden Ausbildung noch für viele verschiedene Arbeitsbereiche zu entscheiden. Weil der Beruf tolle Aufstiegschancen bietet und auch schon im jugendlichen Alter Führungspositionen erlangt werden können. Ich könnte jetzt noch viele weitere Punkte aufführen, da es für mich auch nach über 40 Jahren noch mein Traumberuf ist!
Die Fragen stellte Patrick Peters


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