DEHOGA-Präsident Ernst Fischer sieht den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt. „Es ist bedenklich, dass beim geplanten
Ampel-Konzept der Gastronom keinen Anspruch auf eine zeitnahe Regelkontrolle oder eine Nachkontrolle hat. So kann es nicht sein, dass nach Beseitigung aller festgestellten Mängel eine Negativbewertung im Eingangsbereich den Betrieb jahrelang als schlecht geführt deklariert, auch wenn er inzwischen hygienisch einwandfrei ist.
Das ist unverhältnismäßig und setzt die Existenz des Unternehmens aufs Spiel.“ Als bürokratischen Irrsinn bezeichnete Ulrich N. Brandl die Einführung der umstrittenen „Hygiene-Ampel“ fürs kommende Jahr. „Gegen die Einführung des Kontrollbarometers zu sein, heißt nicht gegen Hygiene zu sein“, betont der Präsident des DEHOGA Bayern. „Die Ampel ist nur der falsche Weg zum richtigen Ziel. Wir stehen für Prävention statt Repression.“
„Professionelle Gastfreundschaft und Hygiene sind für die allermeisten unserer Mitgliedsbetriebe unteilbar miteinander verbunden und selbstverständlich“, stellt Klaus Hübenthal, Hauptgeschäftsführer des DEHOGA NRW, fest. „Klar ist auch, dass die Beanstandungsquote bei den Lebensmittelkontrollen in Nordrhein-Westfalen reduziert werden muss. Aber wer von einer ‚Hygiene-Ampel‘ spricht und ein solches System zuerst alleine in der Gastronomie einführen möchte, tut so, als lägen die größten hygienischen Probleme allein in der Gastronomie und lenkt von den wirklichen ab.“ Deshalb fordert Hübenthal die Einführung des Transparenzsystems in allen Unternehmen, die Lebensmittel verarbeiten.
Für Mario Kade, Präsident des DEHOGA Brandenburg, haben Qualität, Frische und die

Ulrich N. Brandl kann die Haltung des Familienunternehmerverbandes nicht nachvollziehen. Foto: Holger Bernert
Einhaltung der Qualitätsstandards in der Gastronomie oberste Priorität. „Bereits heute ist das Hygienerecht in Deutschland umfassend geregelt. Jeder, der die bereits geltenden Vorschriften missachtet, muss mit harten Sanktionen bis hin zur Betriebsschließung rechnen. Und das ist auch gut so. Wir haben in Brandenburg kein Qualitätsproblem, sondern mit der Brandenburger Gastlichkeit unter Beweis gestellt, wie wichtig Qualität für die Branche ist.“
Der DEHOGA Saarland hegt Zweifel daran, dass eine umfassende Kontrolle und die Ausstattung aller Betriebe mit einer „Hygiene-Ampel“ mit lediglich 40 Kontrolleuren landesweit überhaupt möglich sei. „Durch diese Politik wird Unmut geschürt“, glaubt Frank Hohrath, Hauptgeschäftsführer des DEHOGA Saarland, „wenn ein Betrieb die Ampel bekommt und der Nachbarbetrieb warten muss, weil er noch nicht an der Reihe ist. Darüber hinaus muss eine hohe Kontrollfrequenz gewährleistet sein, so dass weniger gut bewertete Betriebe eine zeitnahe Chance zur Verbesserung ihres Ergebnisses bekommen.“
Hermann Kröger, Präsident des DEHOGA Niedersachsen, spricht in diesem Zusammenhang von einer regelrechten Angst der Gastronomen. „Durch ein weniger gutes Ergebnis könnten sie Gäste und Umsätze verlieren. Deshalb lehnen wir auch die geplante Veröffentlichung der Kontrollergebnisse im Internet ab. „Das Internet vergisst nichts. Es ist bekannt, dass eine negative Bewertung, wenn sie sich erst einmal im Netz verbreitet hat, kaum mehr entfernt werden kann.“
Rückendeckung unterdessen aus dem bayerischen Landtag. Nicht nur, dass die Regierungskoalition aus CSU und FDP gegen die Hygiene-Ampel gestimmt hat, selbst die Opposition hat sich dagegen ausgesprochen. „Das Ampelsystem ist aus meiner Sicht nur unnötige Bürokratie, die viel Zeit in Anspruch nimmt und die Gastronomie übermäßig belastet und den Verbraucher in keiner Weise schützt“, kritisiert auch Jutta Widmann, Landtagsabgeordnete der Freien Wähler.
Deutschland verfüge aktuell bereits jetzt über sehr hohe Standards in der Lebensmittelkontrolle mit genügend Handlungsspielraum für die Kontrolleure. Allerdings seien die Maßstäbe für die Kontrolle so komplex, dass sie nicht schnell mit einer „Ampel“ oder einem „Smiley“ vereinfacht dargestellt werden könnten. „Die Kunden wissen ja gar nicht, welche Kriterien der Ampel zugrunde liegen, ob es sich wirklich um schwerwiegende hygienische Mängel handelt“, erklärt Widmann. Stattdessen würden die Gastwirte an den Pranger gestellt.




1 Kommentar
Den Argumenten ist nur hinzuzufügen, dass im Gegensatz zu unseren Verbandsvertretern allein StS Burgbacher vom Wirtschaftsministerium den Mut findet, diese Diskussion mit dem einzig zutreffenden Wort zu charakterisieren: Pure Symbolpolitik.
Was wesentlich gefährlicher ist: Die gesamte Branche verschläft über die Spiegelfechtereien zum Thema Hygiene-Ampel, dass im Rahmen des laufenden Gesetzgebungsverfahrens zur Änderung des §40 LMFG bereits die Grundlagen zu einem wesentlich weitreichenderen öffentlichen Pranger ganz faktisch gesetzt werden. Zur ausführlichen Darstellung des aktuellen Meinungsbildes in der Politik dazu http://gastrobetreuung.de/gastroblog/gastronomie-und-gesellschaft/hygiene-ampeln-politischer-sachstand/
Kommentar by gastromartini — 22. Juni 2011 um 02:14
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