GASTGEWERBE  MAGAZIN: Frau Beckmann, Knigge ist längst tot. Warum sprechen wir heute noch immer von ihm?

Stil-Expertin Susanne Beckmann: „Wir leben in einer Zeit, in der Produkte und Dienstleistungen oft austauschbar sind.“

Stil-Expertin Susanne Beckmann: „Wir leben in einer Zeit, in der Produkte und Dienstleistungen oft austauschbar sind.“ (Foto: privat)

Susanne Beckmann: Das, was Adolph Freiherr Knigge vor weit über 200 Jahren verfasst hat, war eigentlich gar kein Regelwerk für gutes Benehmen. Sein Ziel war es, Menschen aus unterschiedlichen Ständen und verschiedener Herkunft zu einem respektvollen Miteinander zu verhelfen. Im Laufe der Zeit hat sich der Name Knigge dann aber für alles verfestigt, was mit Umgangsformen, Stil und Etikette zu tun hat.

Gibt es denn heute feste Regeln für Stil und Etikette?

Natürlich gibt es zahlreiche gesellschaftliche Konventionen und Regeln, die allgemeingültig sind und die im alltäglichen Leben angewendet werden sollten. Das geht von der Begrüßung und Vorstellung über – ich drückte es mal flapsig aus – den richtigen Umgang mit Messer und Gabel bis hin zu einer wertschätzenden Verabschiedung. Darüber hinaus bin ich aber der Meinung, dass wir kein starres und strenges Korsett für den Umgang mit anderen Menschen brauchen. Vielmehr geht es um Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Anerkennung, Respekt und Toleranz.

Wie sehen denn Aufmerksamkeit und Wertschätzung aus Ihrer Sicht aus?

Ich möchte das an einem kleinen Beispiel verdeutlichen: Heute sieht man oft Menschen an einem Tisch sitzen und einer starrt aufs Handy. Das ist unhöflich und respektlos, da er seinem Gegenüber oder Partner keine Aufmerksamkeit schenkt. Dieses Beispiel lässt sich auf viele andere Bereiche übertragen, beginnt bei der angemessenen Kleidung und Optik, geht über Wortwahl und Gestik in der Kommunikation bis hin natürlich zu Tischsitten und Verhaltensweisen im Umgang mit den Mitmenschen.

Wie differenzieren Sie den Umgang mit unterschiedlichen Menschen und Berufsgruppen?

Ich passe mich inhaltlich, sprachlich und optisch den Menschen an. Ein Handwerker muss mit verschiedenen Kundentypen unterschiedlich umgehen. Genauso geht es einem Finanzmakler oder Menschen in anderen Branchen. Im Kern geht es immer darum, dem Gegenüber Wertschätzung zu zeigen. Dafür kann man sicherlich innerhalb bestimmter Grenzen seinen eigenen Stil entwickeln. Die gesellschaftlichen Regeln sind, wenn sie so wollen, die Leitplanken links und rechts, in denen jeder seinen eigenen Weg gehen kann.


Info

Souveränes Auftreten und stilsicheres Verhalten werden heute immer wichtiger. Produkte und Leistungen sind austauschbar, was zählt ist der Faktor Mensch und sein Auftreten. Wer hier mit Wertschätzung und Stilsicherheit punkten kann, hat langfristig Erfolg. In Ihrem Buch „#Benehmen – Aktuelle Umgangsformen für Berufseinsteiger“ gibt Susanne Beckmann Auszubildenden und Berufseinsteigern wertvolle Hinweise aus allen Bereichen des täglichen Arbeitslebens, damit der Start ins Berufsleben klappt – zu ihrem eigenen Vorteil, aber auch zum Vorteil der Arbeitgeber. Das Buch erscheint Ende März 2016.


Verändert sich die „Spannweite“ dieser Leitplanken?

Auf jeden Fall gibt es immer wieder Veränderungen. Wir haben in der Vergangenheit Zeiten erlebt, in denen man versucht hat, diese Leitplanken zu entfernen. Inzwischen geht die Entwicklung wieder in die andere Richtung: Gute Umgangsformen haben heute einen hohen Stellenwert, auch in der Wirtschaft.

Woher kommt diese Veränderung?

Wir leben in einer Zeit, in der Produkte und Dienstleistungen oft austauschbar sind. Das ist übrigens auch in der Gastronomie so, wo der Service heute mehr zu leisten hat, als die Teller richtig zu platzieren. Den Unterschied machen der Mensch und seine Wirkung auf den Geschäftspartner, Kunden oder Gast. Wer hier mit Aufmerksamkeit, Stil und Wertschätzung überzeugen kann, wird ganz sicher Erfolg haben.

Wo werden die häufigsten Fehler gemacht?

Ich würde nicht von Fehlern sprechen, weil das ja voraussetzt, dass es feste Regeln gibt. Sicherlich gibt es bei der Kleidung einen gewissen Trend zur Lässigkeit, der Stil und Etikette häufig widerspricht. Auch die Tischmanieren entsprechen nicht immer den Erwartungen. In der Kommunikation ist Aufmerksamkeit, also das klassische Zuhören, nicht immer gegeben. Es sind oft nur Kleinigkeiten, die das Gegenüber stören, aber eben entscheidend sind. Dabei sollte angemessenes Verhalten eine Grundhaltung sein für ein positives Miteinander in der Gesellschaft.

Kann man gute Umgangsformen lernen?

Gutes Benehmen oder zumindest das Gespür für angemessene Umgangsformen sind auf jeden Fall eine Frage der Erziehung. Wo dies in der Familie oder auch in der Schule nicht oder nicht mehr stattfindet, braucht es Seminare und Trainings, in denen die Menschen erfahren, wie man stil- und respektvoll in den jeweiligen Situationen miteinander umgeht. Dabei geht es auch darum, ein Gespür dafür zu entwickeln, welches Verhalten in der jeweiligen Situation passend ist. Wer das schafft, wird im gesellschaftlichen Leben und in jeder Geschäftssituation mehr Erfolg haben. Gerade bei Auszubildenden oder denen, die ins Berufsleben starten, gibt es hier oft erhebliche Defizite.

Wie nehmen Sie die Situation in Hotellerie und Gastronomie wahr?

Sicherlich gehören gute Umgangsformen zur Ausbildung in vielen Berufen des Gastgewerbes. Aber auch hier gilt: Es geht nicht nur um standardisierte Regeln, sondern um ein Gefühl für wertschätzenden Umgang mit den anderen Menschen, um Freundlichkeit, Stil, Gesten und ein stetiges, aber ehrliches Lächeln. Das erlebe ich leider nicht immer.