Das Internetunternehmen booking.com, das auf Online-Hotel-Reservierungen spezialisiert ist, hat als erster ein Widget für die Website von Hotels angeboten. Kurz darauf ging booking.com zudem mit einer Buchungsmöglichkeit für Facebook-Seiten auf den Markt. Für die Implementierung des Widget auf den Internetseiten der Hotels und in den Sozialen Medien berechnet booking.com eine Kommission von drei Prozent.
Nun bietet auch HRS eine solche Buchungsmöglichkeit an und kassiert ebenfalls drei Prozent für alle Buchungen, die über ihr Widget abgewickelt werden. Auch hotel.de reiht sich in die Widget-Anbieter ein, erhebt allerdings keine Provision.
Widgets ersetzen bereits auf einigen Hotelwebseiten die eigene Buchbarkeit der Häuser, ihre Anzahl nimmt massiv zu.
Zwar wirkt die Gebühr von drei Prozent auf den ersten Blick günstig, aber Hotellerie und Gastronomie sollten sich auch die Frage stellen: Was passiert durch die unkontrollierte Verwendung solcher Widgets? Naturgemäß entstehen durch die Einbindung vier Probleme:
- Die wertvollste „Währung“ im Internet ist Webseiten-Traffic. Qualifizierte Besucher auf die Homepage zu bekommen, wird erstens durch die Vielzahl der Angebote immer schwieriger und zweitens immer teurer. Schließlich muss die Website professionell gestaltet werden, die Google-Optimierung zur besseren Platzierung in der größten und bedeutenden Suchmaschine der Welt kostet Geld und, und, und. Die Partnerunternehmen, die die Widgets zur Verfügung stellen, profitieren doppelt: Zum einen subventionieren sie die niedrige Gebühr von drei Prozent durch reguläre Kommissionen quer, und zum anderen bekommt der Kunde, den der Gastronom, Hotelbetreiber und Touristiker mühsam auf seine Internetseite gelotst hat, seine Reservierungsbestätigung von beispielsweise HRS oder booking.com – nicht vom Hotel selbst.
- Ab dem Zeitpunkt der Buchung über das Widget ist der Kunde des gastgewerblichen bzw. touristischen Angebots als Kunde in der Datenbank des Vertriebspartners gespeichert. So wird es schwieriger und teurer, ihn ein nächstes Mal zu erreichen.
- Zudem unterstützt jedes Unternehmen, das solch ein Widget einsetzt, aktiv die Weiterentwicklung der OTA-Buchungstechnologien und verlagert vorsätzlich das Geschäft des Hotels auf einen Drittweg.
- Dazu kommt: Der Kunde des Hotels bekommt, sollte das Haus ausgebucht sein, direkt die Möglichkeit, bei einem Wettbewerber zu buchen. Das verringert beträchtlich die Chancen, diesen Kunden noch einmal für das eigene Unternehmen zu gewinnen.
Wenn die Bereitschaft vorhanden ist, diese Tools einzusetzen, wird der Eigenvertrieb langfristig zu teuer werden, um ihn überhaupt noch zu bezahlen. Die Frage ist, ob dann die drei Prozent überhaupt noch Bestand haben werden. Kurzfristig klingen diese drei Prozent zwar attraktiv, aber langfristig kann dieses Modell für die Hotels keinen echten Vorteil bringen, da die Abhängigkeit weiter vergrößert wird.
Die Hotellerie verliert durch solche Online-Lösungen mehr und mehr die Kontrolle über ihre Preise, Vertriebskanäle und Produkte. Somit heißt die Antwort auf die Frage: „Kann die Hotellerie ihren Online-Eigenvertrieb bald einstellen?“: Nein! Jedes Hotel muss eine optimale Balance zwischen Eigen- und Fremdvertrieb finden und Herr über Raten, Content und Distributionswege bleiben.
Der Kommentar
Immer öfter kommt mir die Hotellerie vor wie das kleine, etwas pummelige und stark bebrillte Mädchen, das wir alle aus unserer Schulzeit kennen und das niemand so richtig mochte, obwohl sie nie jemandem etwas getan hatte. Sie brachte uns Süßigkeiten mit, lud uns zum Geburtstag ein – zu dem wir natürlich nicht hingingen –, lieh uns ihren Schal im Winter, hatte ein Pflaster in ihrem Täschchen und war immer gut zu uns… Und trotzdem mochten wir sie nicht, und niemand wollte in den Verdacht kommen, mit ihr befreundet zu sein. Stattdessen machten sich zunächst einige und nach und nach alle einen Sport daraus, die kleine – nennen wir sie Angelika – zu drangsalieren, zu benachteiligen und ihre Gutmütigkeit und Einfalt immer mehr auszunutzen.

Haakon Herbst Foto: HSMA
Hier setzt mein Vergleich an. Die Hotellerie ist immer und überall für jeden da – wir kümmern uns, wir laden ein, wir sind höflich, nahezu devot und bewahren fast immer unsere gute Kinderstube…
In der Zwischenzeit hat das nun auch der letzte Marktteilnehmer mitbekommen und nutzt die Einfalt der Branche immer weiter aus. Die Beispiele hierfür sind vielfältig: Sie beginnen bei dem scheinbar harmlos anmutenden Disagio für eine weitere Kreditkarte, ohne die wir ja sonst keinen Tagungsumsatz mehr machen werden, gehen über internationale Gutscheinhändler wie daily deal und Groupon, die uns für einen 50-prozentigen Nachlass aus purer Nächstenliebe unsere Restkapazitäten verkaufen wollen und enden leider auch bei missverständlich aufzufassenden Widget-Angeboten, die von teilweise auch honorigen Partnern unter das unwissende Volk gebracht werden.
Leider realisiert die Branche häufig zu spät, das zwei und mehr Prozent Disagio vom Tagungsumsatz eben nicht einfach nur zwei Prozent sind, die wir zum Wohle unseres Kunden (der ein besseres Reporting braucht) ausgeben. Nein, zwei Prozent weniger bei einem Gesamtbetriebsergebnis von acht Prozent machen rechnerisch gelöscht schnell auch mal 25 Prozent aus. Ebenso verhält es sich bei den drei Prozent Provision für die Widgets: Auch hier sollte der Kaufmann im Hotel in aller Ruhe nachdenken, kalkulieren und dann entscheiden.
Es gibt immer Pro- und Contra-Gründe, man sollte diese nur kennen und sich nicht einfach blind und gedankenlos mitreißen lassen. Denken wir an die kleine Angelika und ihre Gutmütigkeit – heute, Jahre später, wissen wir, dass wir sie hätten schützen müssen und schämen uns vielleicht sogar für unsere fehlende Zivilcourage und unser gedankenloses Handeln mit den Worten: Wir waren Kinder!
Heute sind wir erwachsen, können niemandem die Schuld für unserer Entscheidungen geben – also denken Sie vor jeder neuen Abmachung nach, was Sie da tun und vor allem warum…
Es gibt immer einen Grund dafür und auch einen dagegen, wir sollten diese nur wirklich kennen. Bleiben Sie mutig – in beide Richtungen!
Ihre HSMA Deutschland e.V.
Haakon Herbst
Präsident
Mehr Informationen zu diesem Thema gibt es auf dem HSMA Pricing & Distribution Day am 30. Mai 2011 in Frankfurt. Das Programm und die Online-Anmeldung finden Sie hier:
www.pricing-distribution2011.hsma.de


2 Kommentare
Vielen Dank für diesen informativen Artikel und den aufrüttelnden Kommentar. Der Vergleich mit der kleinen Angelika ist traurig aber wahr. Kinder können brutal sein, und Erwachsene wollen Geld verdienen.
Die Hotellerie ist eine Branche, die Emotionen kreiert und ihren Gästen Wohlbefinden und Sicherheit bietet. Dennoch – oder gerade deshalb – gibt es so viele Angreifer.
Genau wie die kleine Angelika fehlt der Hotellerie das Selbstbewusstsein, sich gegen die “Mobber” zu stellen. Bestimmt hat die Familie von Angelika alles getan, um sie zu stärken. Und bestimmt war sie ein guter Mensch mit einem großen Herz. Doch das zählte auf dem Schulhof nicht, wo Beliebtheit in Markenklamotten und Anzahl der Freunde gemessen wurde.
Deshalb, liebe Hotels: steht auf, seid stolz, zeigt, was ihr könnt und buhlt um die richtigen Menschen, die wirklichen Freunde. Fangt bei euren Mitarbeitern an und macht sie stolz. Sie werden dafür sorgen, dass euer Stern leuchtet und von vielen Menschen gesehen wird!
Und tut euch zusammen mit anderen. Zusammen ist vieles leichter.
Gaby Feile
Kommentar by Gaby Feile — 5. Mai 2011 um 09:42
Sehr guter Artikel und Zusammenfassung der Situation. Der Punkt dass die Buchungsbestätigung und der der Eintrag in der Kundendatenbank der OTAs landet habe ich bislang noch gar nicht als Problem wahrgenommen. Ich fand es viel mehr verwerflich, dass bei einem ausgebuchten Haus andere Betrieb in der Region angeboten werden. Aber die Frage wem denn die Kundenbeziehung gehört ist tatsächlich ein wesentlich spannenderes Feld, denn es geht um die “Lifetime Value” der Kundenbeziehung.
Aber nicht alle Buchungs-Widgets die man in die Hotelseiten einbauen kann sind gleich böse OTA Widgets. Ich biete mit igumbi ein online Buchungstool / Widget und online Hotelsoftware an, dass sich als Tool für den Hotelier versteht. Der Buchungsdialog läuft in der Hotelwebsite ab. Die Antwort-Emails und Buchungsbetsätigungen kommen über das Backend System vom Hotel, Rechnungen werden darüber erstellt – Alles im Look and Feel und mit dem Absender & Branding des Hotels.
Den Methapher mit “Angelika” finde ich sehr gut gezeichnet. Den kann man sich merken. Danke für das Aufzeigen der emotionale Ebene auf der dieses Thema abläuft. Und Sie haben recht – Man kann es ruhig mutiger angehen – die Resultate einer selbstbewussten Strategie können sich mehr als sehen lassen, weiss ich aus eigener Erfahrung.
Roland Oth
Kommentar by Roland Oth — 5. Mai 2011 um 14:01
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