Die Jüngsten sind 18, die meisten zwischen 25 und 35 Jahre alt. Sie alle sind fertig mit der Winzerlehre oder dem Weinbaustudium, und hinter ihnen liegen zahlreiche Praktika im Ausland. Die junge Generation der Winzer ist weltoffen, innovativ und vor allem hochmotiviert, deutschen Weinen ein individuelles, frisches Image zu verpassen. „Dabei geht es ihnen nicht darum, auf Qualität und Tradition zu verzichten – im Gegenteil“, erklärt Ernst Büscher, Pressesprecher des Deutschen Weininstituts.

„Sie profitieren von der Erfahrung und dem Wissen der Eltern, um naturbelassene und hochwertige Weine zu produzieren. Gleichzeitig bringen sie eigene neue Erkenntnisse mit, die es ermöglichen, deutschen Weinen ein Image zu verleihen, das dem neuen Gefühl des Weintrinkens und Genießens entspricht.“

Denn längst sei es unter Weinkennern nicht mehr angesagt, ein „trockenes“ Weinwissen zu versprühen, erklärt Büscher. „Die wenigsten möchten noch darüber reden, wie ein Wein im Abgang ist oder welchen Restzuckergehalt er hat. Weintrinken soll heute vor allem Spaß machen und in einem tollen Ambiente stattfinden. Architektonisch haben sich viele Winzer diesem Trend angepasst und präsentieren ihre Weine in modernen Vinotheken. „Die junge Generation der Winzer gibt Weinpartys und entstaubt den Wein“, so Büscher.

Die neuen Qualitätsweine aus Deutschland tragen Namen wie „Horny Rosé“, „Der Wilde“ oder „Steiles Stück“. Grelle pinke und grüne Verschlüsse peppen den klassischen Schriftzug auf, andere kombinieren Neu und Retro, um dem Stil der älteren Generation treu zu bleiben. Beim Wein vollzieht sich eine Entwicklung, die auch bei Gin oder dem Craft Beer zu beobachten ist: Lebensmittel werden Gegenstand der jungen Kultur. Individualität ist das Stichwort.

Trendige deutsche Sorten

Doch nicht nur Individualität sei gefragt. „Die jungen Winzer von heute tun sich zusammen und befruchten sich mit ihren Ideen gegenseitig. Sie kooperieren, anstatt zu konkurrieren und tauschen sich aus“, erklärt Büscher. Ein Zusammenschluss dieser neuen Generation ist die  sogenannte Generation Riesling. Das Deutsche Weininstitut hat die Generation Riesling-Initiative ins Leben gerufen, um der jungen Weinszene losgelöst von bestehenden Gruppierungen eine nationale und internationale Plattform zu bieten. Die Mitglieder präsentieren sich dabei auf vielen Veranstaltungen im In- und Ausland.

Alle Mitglieder sind bereit, gemeinsam als Botschafter einer modernen, hochwertigen und dynamischen Weinerzeugung in Deutschland aufzutreten, ohne dabei auf ihre Individualität verzichten zu müssen. „Wir wollen mit der Initiative auch dem Generationswechsel ein Gesicht geben“, erklärt Büscher. Der Begriff der Initiative stellt den Riesling als zurzeit trendigste deutsche Rebsorte in den Vordergrund, um damit national und international möglichst große Aufmerksamkeit zu erreichen, schließt aber auch Winzerinnen und Winzer ein, die eher auf Silvaner, Lemberger, Burgunder oder andere Rebsorten setzen.

Christian Dautel hat im Jahr 2013 den elterlichen Weinbaubetrieb mit den Hauptrebsorten Lemberger, Spätburgunder, Weißburgunder und Riesling übernommen.

Christian Dautel hat im Jahr 2013 den elterlichen Weinbaubetrieb mit den Hauptrebsorten Lemberger, Spätburgunder, Weißburgunder und Riesling übernommen. (Foto: Andreas Durst)

Zahlreiche Vertreter aus allen Anbaugebieten sind bereits in der Generation Riesling-Initiative registriert. 450 Mitglieder sind es derzeit an der Zahl. Einer von ihnen ist Christian Dautel. Er ist gerade einmal 29 Jahre jung und hat Praktika in Top-Betrieben in Australien, Frankreich, Österreich, Südafrika und den USA absolviert. Seine Familie betreibt seit 1510 Weinbau. Im Jahr 2013 hat Christian Dautel den elterlichen Weinbaubetrieb mit den Hauptrebsorten Lemberger, Spätburgunder, Weißburgunder und Riesling von seinem Vater übernommen. Und genau wie Ernst Dautel geht auch er ungewöhnliche und innovative Wege. „Mein Vater war in vielen Punkten Vorreiter. Er hat bereits in den 80er Jahren mit dem Barrique-Ausbau angefangen und sich 1986 dem Anbau von Chardonnay gewidmet.“

Deutsche Weine sind gefragt. Der Riesling gilt als zurzeit trendigste deutsche Rebsorte.

Deutsche Weine sind gefragt. Der Riesling gilt als zurzeit trendigste deutsche Rebsorte. (Foto: © aldra – iStockphoto.com)

An der Größe und Ausrichtung des Weinguts, das derzeit über 13 Hektar Weinberge rund um Bönnigheim verfügt, will Sohn Christian nicht allzu viel ändern. „Nur in einer kleinen Betriebsgröße ist es möglich, alle Wege vom Weinberg bis zur Flasche direkt  zu begleiten.“ Er will vor allem die eigenen Erfahrungen und die des Vaters aufgreifen. „Ich brauche das Rad nicht neu zu erfinden.“ Der Vater habe schließlich „gut vorgelegt“ und große Weine erzeugt. Was von seiner Seite hinzukomme, seien die Erfahrungen, die er unter anderem von den vielen Auslands-Praktika und seiner Ausbildung mitgebracht hätte. „Im Ausland lernt man andere Philosophien und Ansichten, die Praktika bieten die Möglichkeit für einen neuen Horizont“, schildert Christian Dautel. „Man sieht auch Dinge, die man nicht machen möchte und erhält schlussendlich eine eigene Vorstellung. Man lernt sich und seine Stärken besser kennen“, so der Jungwinzer. „Um einen großen Wein machen zu können, musst du einen großen Wein getrunken haben.“ Und dafür sei es nun einmal wichtig, über den Tellerrand zu schauen.

Denn nur wer das Ganze sieht, könne auch zu seiner Individualität gelangen und sein Alleinstellungsmerkmal erkennen.  „Unsere Stärke liegt darin, dass wir aufgrund unseres Terroirs elegante, rebsortentypische Weine erzeugen können. Weine, die sich lange halten und nicht so breit und fett ausfallen wie viele Tropfen Weine, die pfeffrig und würzig schmecken, wie nur ein Lemberger schmecken kann. Weine, die deshalb im weltweiten Vergleich einzigartig sind. Und dies in einer Region, in der Witterung und Klima jedes Jahr für andere Ausgangsbedingungen sorgen“, erklärt Christian Dautel.  „Aus solchen klimatisch abwechslungsreichen Gebieten kommen schließlich die großen, komplexen Weine“, ist er überzeugt. „Mutter Natur spielt uns hier in die Karten.“

Die Revolution der Enkel

Die beiden Brüder Alexander (rechts) und Martin Bauer wurden von „Fine. Das Weinmagazin“ zu den „111 besten deutschen Jungwinzern“ nominiert.

Die beiden Brüder Alexander (rechts) und Martin Bauer wurden von „Fine. Das Weinmagazin“ zu den „111 besten deutschen Jungwinzern“ nominiert. (Foto: privat)

Im Familienbetrieb der Bauers in Landau-Nußdorf wird in der fünften Generation Wein angebaut. Vor knapp drei Jahren übernahmen Alexander und Martin Bauer das Weingut von ihrem Vater Norbert und Onkel Arno, die es gemeinsam 40 Jahre lang geführt hatten – Alexander und Martin kümmern sich heute um knapp 29 Hektar Rebfläche. Und das mit überwältigendem Erfolg: Ihr „Kaiserberg Riesling Spätlese trocken“ wurde vom Weinmagazin Vinum zum „Riesling Champion“ des Jahres 2012 gekürt. Dass dies keine Ausnahme war, bestätigte der Erfolg in 2013, wo die Bauers gleich mit drei Rieslingen im Finale vertreten waren und 2014 sogar mit vieren – 2015 sogar mit fünfen.

Dass die Südpfälzer Brüder mit den Produkten ihrer Weinbergslagen nicht nur die Fachpresse begeistern würden, wurde bestenfalls einem von ihnen an der Wiege gesungen: Alexander. Denn der wollte von Kindesbeinen an Winzer werden, ließ sich zum Weinküfer ausbilden und studierte an der FH Geisenheim. Abschluss: Diplom- Ingenieur. Stationen auf seinem Weg waren das Weingut Dr. Bürklich-Wolf in Wachenheim, das Staatsweingut Weinsberg und Durbanville Hills in Südafrika. Martin hingegen studierte Wirtschaftswissenschaften, arbeitete im Marketing von Weltfirmen wie Mercedes-Benz und BMW.

Mit auffälligen Etiketten zelebriert das Weingut Bauer den neuen Spaß am Weintrinken.

Mit auffälligen Etiketten zelebriert das Weingut Bauer den neuen Spaß am Weintrinken. (Foto: Weingut Bauer)

Bei einem Fotoshooting in Südafrika traf er zufällig auf seinen Bruder. Beide einte die Liebe zum Wein, und 2011 übernahmen die beiden dann gemeinsam den Familienbetrieb. Das Hauptaugenmerk legt das Weingut Emil Bauer & Söhne auf sehr schonend ausgebaute Rieslinge und weiße Burgunder-Sorten sowie die Rotweinsorten Spätburgunder, Cabernet Sauvignon und Merlot, die in Granit-, Stahl-, Holz- oder Barriquefässern ausgebaut werden. Die Revolution geht weiter – so wurde das Weingut Emil Bauer & Söhne erst vor kurzem von „Fine. Das Weinmagazin“ zu den „111 besten deutschen Jungwinzern“ gewählt und zum „Newcomer des Jahres 2014“ bei der „Falstaff Wein Trophy“ nominiert.

„Das Wichtigste für uns ist das Zusammenarbeiten mit dem Klima, unseren Böden und Reben, denn sie sind unser Kapital für die Zukunft, und es gilt verantwortungsbewusst mit ihnen umzugehen“, sagen die beiden. „Es gibt nichts Spannenderes für uns, als mit unseren Weinen ein Stück Natur in die Flasche zu bringen.“  So ursprünglich der Anbau, so ungewöhnlich sind die Etiketten der Weine. Sprüche wie „Always enjoy life – you`re longer dead than alive“  oder „If you can´t be happy at least you can be drunk“ versprechen nicht nur puren  Weingenuß, sondern auch jede Menge Spaß.

Der Rockstar in der Szene

Lukas Krauß gilt als der Rockstar in der Weinszene. Bekannt ist der Mann mit Hut derzeit unter anderem für seinen Pornfelder – eine Komposition aus Portugieser und Dornfelder.

Lukas Krauß gilt als der Rockstar in der Weinszene. Bekannt ist der Mann mit Hut derzeit unter anderem für seinen Pornfelder – eine Komposition aus Portugieser und Dornfelder. (Foto: Andreas Durst)

Mit dem „Pornfelder“, einer Komposition aus Portugieser und Dornfelder, wurde Jungwinzer Lukas Krauß zum Rockstar der Szene. Lukas Krauß ist der Winzer mit dem Hut oder auch der „Woibauer“ unter den Winzern. Er gibt sich gerne als Sonderling, aber seine Weine müssen ernst genommen werden. Keiner kann aus augenscheinlich so uninteressanten Weinlagen so viel herausholen wie das Talent aus Lambsheim in der Pfalz. Den Hut findet man bei ihm nicht nur auf seinem Kopf, sondern auch auf seinen Weinen, die er gerne so naturbelassen wie nur möglich hält. „Wir müssen auf unsere Umwelt achten“, wie er in einem Interview sagte.

chapeau krauß

chapeau krauß (Foto: Andreas Durst)

Im Weingut Krauß arbeiten Vater und Sohn zusammen und gehen doch getrennte Wege, denn während Vater Krauß seine eigene Weinlinie unter eigener Etikettierung verkauft, durfte sein Sohn Lukas parallel Neues erschaffen und eigene Ideen und Wege gehen und sich neu vermarkten. Entstanden ist dabei unter anderem der „Pornfelder“. „Ich hatte genug von weißen Tischdecken und hochtrabenden Gerede“, wie er sagt. „Ich wollte neue Begrifflichkeiten erfinden.“ Wichtig ist es Lukas Krauß vor allem, die Dinge von Grund her erst einmal anders zu machen. „Doch der Name kann so gut sein wie er will, eines muss auch immer stimmen“, sagt der Mann mit Hut. „Und das ist der Inhalt.“

> www.junge-riesling-winzer.de/junge-winzer www.lukaskrauss.de
> www.bauerwein.de
> www.weingut-dautel.de
>www.deutsche-weine.de
> www.pornfelder.de
> www.weingut-krauß.de