Suche

Integration in die Gastronomie – hautnah und direkt

Salam – das heißt in vielen Ländern der arabischen Welt so viel wie Hallo, wörtlich übersetzt aber Frieden. Beides stimmt als Motto für das Salam Kitchen in Münster. Doch manches ist anders als in einer normalen Gastronomie: Am Vormittag bekommen Flüchtlinge im Gastraum Sprachunterricht, am Nachmittag Praxisunterricht. Dazwischen und am Abend kommen die Gäste und genießen modern interpretierte Gerichte der arabischen Küche. Vier Monate dauert der Kurs für jeweils 15 Flüchtlinge. „Die meisten davon arbeiten anschließend in verschiedenen Bereichen in der Gastronomie“, sagt Niklas Blömeke, einer der drei Gründer. Nachwuchsgewinnung neu gedacht und neu gemacht.

„Wir wollen nicht, dass die Leute aus Neugier oder auf der Suche nach einem Quoten-Syrer kommen, sondern wegen des Essens.“Salam KitchenSalam Kitchen

Ausgangspunkt für die Gründer des Salam Kitchen Thomas Wehrmann, Niklas Blömeke und Mike Gottlob, die schon in unterschiedlichen Konstellationen mehrere Lokale in Münster betreiben, war die Feststellung, dass es in der Universitätsstadt kein modernes arabisches Restaurant gab – obwohl die Nachfrage nach Gerichten aus dem Nahen und Mittleren Osten groß genug war. „Zuerst wollten wir also ein modernes arabisches Konzept etablieren“, berichtet Niklas Blömeke. Im Zuge der großen Flüchtlingsbewegungen aus dem arabischen Raum 2015 entstand dann die Idee, Flüchtlinge in das Konzept zu integrieren.

„Doch dies stellte sich als schwierig heraus“, berichtet Blömeke. Denn: Zum einen suchten viele Flüchtlinge nicht einfach nur einen Job, sondern wollten sich qualifizieren, um langfristig weiterzukommen – um Erfolg zu haben in einer Branche wie dem Gastgewerbe. Doch einer qualifizierten Ausbildung standen oftmals Sprachprobleme im Weg. So kamen die drei von einer Idee zur nächsten und kreierten neben dem Salam Kitchen als Restaurant noch ein zweites Element, die Kitchen Class – ein Projekt, das sie in Zusammenarbeit mit einem Bildungsträger, der Gesellschaft für Berufsförderung und Ausbildung (GEBA), als akkreditierte Maßnahme bei der Agentur für Arbeit entwickelten. Ein neues Konzept, das aber beispielhaft sein könnte.

Das Salam Kitchen sollte für die drei Gründer primär als Restaurant funktionieren, trotzdem wollen sie die Möglichkeit nutzen, neue Fachkräfte für die Branche zu begeistern.
Das Salam Kitchen sollte für die drei Gründer primär als Restaurant funktionieren, trotzdem wollen sie die Möglichkeit nutzen, neue Fachkräfte für die Branche zu begeistern. (Foto: Salam Kitchen)

Partner aus dem HORECA Scout

Ein gewinnorientiertes Unternehmen …

Was hat sich also innerhalb des letzten Jahres entwickelt? „In erster Linie sind wir ein privatwirtschaftliches und gewinnorientiertes Restaurant“, sagt Blömeke. Zum Mittagsgeschäft und am Abend bekommen die Gäste auf den 80 Plätzen innen und 30 Plätzen außen arabisch inspirierte Gerichte serviert. „Wir haben diese Gerichte selbst entwickelt und uns bewusst davon gelöst, irgendwelche Nationalgerichte nachzukochen. Hauptsache, es schmeckt“, lautet Blömekes Ansatz. Ein Kitchen-Cross zwischen deutscher und orientalischer Küche ist durchaus gewollt. Alle Gerichte sind halal, die Hälfte vegetarisch, vegane Angebote gehören dazu. Das Konzept kommt an, seit der Eröffnung im Juli 2017 strömen die Gäste.

… aber auch Schule

Und dann ist da der zweite Teil: die Kitchen Class im Restaurant. Ab 9 Uhr wird drei Stunden Deutsch gebüffelt, geht es um Vokabeln und Grammatik, allerdings immer mit gastronomischem Hintergrund. „Das ist kein klassischer Sprachkurs, sondern eher berufsfeldbezogene Ausbildung auf Probe mit Eignungsfeststellung“, berichtet Blömeke. Am Nachmittag steht Praxisunterricht auf dem Programm – in der Küche oder im Service. Die Salam-Kitchen-Inhaber betonen aber, dass die Teilnehmer an diesem viermonatigen Programm nicht in den betrieblichen Alltag eingeplant werden, sondern begleitend und beobachtend tätig sind. Sie sollen die Branche kennenlernen, hineinschnuppern und erste Erfahrungen sammeln.

Lesen Sie auch
Recht und ComplianceRechtsprechung und UrteileSteuernSoftware und SystemeMarketing
Mehr Prüfungen, mehr Überblick: Warum 2026 zur Chance für Gastronomie und Hotellerie wird

Der entscheidende Faktor ist die Integration dieser Flüchtlinge in die Branche von der ersten Minute der Maßnahme an. Schon vier der bislang 30 Absolventen der Kitchen Class haben eine Lehre in einem der Betriebe der drei Gründer begonnen. „Der große Vorteil ist, dass wir diese Menschen bereits kennen. Die Absolventen der Kitchen Class wissen aber auch, was in der Gastronomie auf sie zukommt und welche Anforderungen in einer gastronomischen Ausbildung gestellt werden“, sagt Blömeke. Die Flüchtlinge werden so nicht nur an die Gastronomie herangeführt, sondern von der ersten Sekunde an in der Branche integriert. Wer in keinem der Betriebe der drei Gründer weiterarbeitet, beginnt alternativ woanders mit einer gastronomischen Ausbildung, macht weitere Sprachkurse oder jobbt nebenher in der Gastronomie. Der Branche bleiben die meisten irgendwie verbunden. „Das Salam Kitchen ist das Sprungbrett für diese Menschen in unsere Branche“, sagt Blömeke mit einem bisschen Stolz. Allerdings in der Tat nur ein Sprungbrett, denn auch während der eigentlichen Ausbildung, die sich an die Kitchen Class anschließt, gibt es jede Menge Herausforderungen. Die drei kümmern sich auch weiterhin um die Flüchtlinge, organisieren Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung bei schulischen Problemen.

Themen in diesem Artikel
PersonalentwicklungManagementBest PracticeIntegration

Haben Sie bereits Erfahrungen mit der Integration von Flüchtlingen in gastronomischen Betrieben gesammelt?

Ergebnis ansehen

Wird geladen ... Wird geladen ...

Die Resonanz auf das Projekt ist überwiegend positiv, wenngleich auch erklärungsbedürftig. „Unser Betrieb ist kein Zoo für Flüchtlinge, kein Flüchtlingsladen“, sagt Blömeke. „Wir wollen nicht, dass die Leute aus Neugier oder auf der Suche nach einem Quoten-Syrer kommen, sondern wegen des Essens.“ Auf der Karte und im Internet wird die Idee erklärt, werden die Hintergründe aufgezeigt. Auch wenn das Salam Kitchen für die drei Gründer primär als Restaurant funktionieren muss, wollen sie die Möglichkeit nutzen, neue Fachkräfte für die Branche zu begeistern. „Und ein bisschen kommen wir auch unserer sozialen Verantwortung nach“, sagt Blömeke. Es sei schön, etwas beitragen zu können – sowohl zur Integration von Flüchtlingen als auch gegen den Fachkräftemangel in der Gastronomie. Für die gesamte Branche ist der Betrieb in Münster nicht nur ein Gewinn, sondern ein Beispiel, das Schule machen sollte.

> www.salamkitchen.de

Lesen Sie auch
Künstliche Intelligenz, KI und AutomationSoftware und SystemeRecruiting und Fachkräftemangel
Wenn das Kochwissen die Küche verlässt: Wie digitale Sous-Chefs Großküchen entlasten

Integrationsmotor Gastgewerbe

Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit spricht eine eindeutige Sprache: Das Gastgewerbe leistet einen maßgeblichen Anteil bei der Beschäftigung von ausländischen Arbeitnehmern, insbesondere bei der Integration von Asylbewerbern. Ende Mai waren von den insgesamt knapp 6,7 Millionen sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern in NRW über 176 000 im Gastgewerbe beschäftigt. Während von allen Beschäftigten rund 10 Prozent aus dem Ausland kommen, liegt dieser Anteil im Gastgewerbe bei überdurchschnittlichen 31 Prozent. Und: 14,4 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer aus Asylherkunftsländern arbeiten im Gastgewerbe, bei den geringfügig Beschäftigten sind es über 39 Prozent. „Das Gastgewerbe in NRW ist nicht nur bei den Gästen und auch bei den Mitarbeitern eine multikulturell ausgerichtete und internationale Branche, sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag zur Integration“, interpretiert Präsident Bernd Niemeier diese Zahlen.

 

StockSnap, Pixabay
Branche und Trends

Hunger auf Stammgäste: Wie digitale Kundenbindung die Gastronomie verändert

Steigende Kosten, knappes Personal, verschärfter Wettbewerb – und trotzdem sollen die Tische voll und die Gäste treu bleiben? Ein neuer Branchenreport zeigt: Wer seine Gäste digital bindet, gewinnt nicht nur mehr Umsatz, sondern echte Verbundenheit. Doch Vorsicht: Pauschale Angebote reichen längst nicht mehr. Was Gäste heute wirklich erwarten und warum das Smartphone den Stempelpass ablöst.

NakNakNak, Pixabay
Branche und Trends

Branchenverbände gegen Tierhaltungskennzeichnung: Wenn Bürokratie Tierwohl verhindert

Die Bundesregierung plant, die Tierhaltungskennzeichnung auf Restaurants, Kantinen und verarbeitete Lebensmittel auszuweiten. Acht Branchenverbände von der Systemgastronomie bis zum Bäckerhandwerk laufen dagegen Sturm. Ihr Argument: Die Reform belastet Betriebe mit Millionenkosten und bürokratischem Aufwand – ohne dass mehr Tierwohl entsteht. Im Gegenteil: Sie könnte sogar dazu führen, dass Gastronomen auf schlechtere Haltungsformen umsteigen.

ZfP Reichenau; Meiko
Allgemeine Haustechnik

Modernes Spül- und Restesystem für einen Betrieb im Wandel

Im Zentrum für Psychiatrie Reichenau werden täglich 800 Mahlzeiten für Patienten und Mitarbeitende zubereitet. Als die alte Spülanlage den Geist aufgab, entschied sich die Klinik nicht einfach für Ersatz – sondern für einen grundsätzlichen Neuanfang. Warum ein funktionierender Spülraum in einer psychiatrischen Einrichtung zum Schlüsselfaktor wird und wie moderne Technik den Arbeitsalltag eines ganzen Teams verändert hat.

Weitere Artikel zum Thema

Poster POS, Unsplash
Arbeitsschutz, Kassennachschau, Online-Bewertungen: Was wie drei getrennte Baustellen wirkt, folgt 2026 einem gemeinsamen Prinzip. Betriebe müssen jederzeit belegen können, was sie wissen, was sie tun und wer wofür verantwortlich ist. Digitale Dokumentation wird damit vom[...]
Poster POS, Unsplash
Läkkerai
Fachkräftemangel, ungelernte Aushilfen, mehrsprachige Teams – und mittendrin ein Küchenchef, der alle Rezepte im Kopf trägt. Was passiert, wenn er kündigt? Eine wachsende Zahl an Profi-Küchen setzt deshalb auf digitales Küchenmanagement. Ein Blick auf einen[...]
Läkkerai
StockSnap, Pixabay
Steigende Kosten, knappes Personal, verschärfter Wettbewerb – und trotzdem sollen die Tische voll und die Gäste treu bleiben? Ein neuer Branchenreport zeigt: Wer seine Gäste digital bindet, gewinnt nicht nur mehr Umsatz, sondern echte Verbundenheit.[...]
StockSnap, Pixabay
NakNakNak, Pixabay
Die Bundesregierung plant, die Tierhaltungskennzeichnung auf Restaurants, Kantinen und verarbeitete Lebensmittel auszuweiten. Acht Branchenverbände von der Systemgastronomie bis zum Bäckerhandwerk laufen dagegen Sturm. Ihr Argument: Die Reform belastet Betriebe mit Millionenkosten und bürokratischem Aufwand –[...]
NakNakNak, Pixabay
RATIONAL
Gastronomie- und Hotelküchen kämpfen mit massivem Personalmangel, explodierenden Energiekosten und steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen – während Gäste gleichzeitig höchste Qualität erwarten. Wie gehen Profis weltweit damit um? Und welche Strategien versprechen wirklich Entlastung? Eine internationale Studie mit[...]
RATIONAL
Unser Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit regelmäßigen Informationen zum Thema Gastgewerbe. Ihre Einwilligung in den Empfang können Sie jederzeit widerrufen.