Suche

Sanierung: Ohne Scheuklappen eine neue Zukunft gestalten

Corona, Krieg, Inflations- und Energiekrise, steigende Zinsen und nicht zu vergessen der Fachkräftemangel. Gastronomen und Hoteliers befinden sich seit rund drei Jahren im dauerhaften Krisenmodus. Was sie tun können, wenn ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten auftreten.

hammes. Insolvenzverwalterhammes. Insolvenzverwalter

Wie groß ist das Risiko, dass ein gastgewerbliches Unternehmen in eine wirtschaftliche Krisensituation gerät?

Vermutlich war das Risiko in den vergangenen Jahrzehnten nie so groß wie heute, dass ein gastgewerbliches Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage gerät. Die Covid-19-Krise ist auch nach drei Jahren noch nicht final gelöst. Dazu kommen weiterhin Rezessionsgefahren durch den Ukrainekrieg in Verbindung mit der Energiekrise, die die Preise in die Höhe treibt, explodierender Inflation und Zinsen und natürlich auch der Fachkräftemangel. Aussichten auf schnelle Besserung existieren derzeit auch nicht und zugleich sind kaum noch staatliche Unterstützungsleistungen vorhanden.

Manche Unternehmen haben vor Corona gut verdient. Wie kann es jetzt zu einer Krise kommen?

Nach der Erfahrung von Mark Steh, Insolvenzverwalter und Fachanwalt für Insolvenzrecht, existieren zahlreiche interne und externe Faktoren, die eine wirtschaftliche Krise auslösen können. „Das können allgemeine konjunkturelle Krisen oder eben behördlich verordnete Einschränkungen auf der einen Seite sein. Auf der anderen Seite können sich bestimmte unternehmerische und/oder betriebswirtschaftliche Fehlentscheidungen, unpassende Kostenstrukturen oder verpasste Modernisierungsmaßnahmen negativ aufs Geschäft auswirken. Und irgendwann kommt es dann zu dem Punkt, dass es wirklich ernst wird und vielleicht sogar die Zahlungsunfähigkeit droht“, sagt der Inhaber von hammes. Insolvenzverwalter.

Partner aus dem HORECA Scout

„Erfolge der Vergangenheit lassen sich auch nur selten für die Zukunft garantieren. Ich sehe in der Praxis nicht nur Unternehmen in der Insolvenz, denen es schon immer schlecht ging. Sondern viele Betriebe waren lange Zeit erfolgreich und sind dann auf den wirtschaftlich falschen Pfad geraten. Die Umsätze und Gewinne wurden geringer, die aufgebaute Liquidität musste genutzt werden, um die laufenden Kosten zu decken, Investitionen konnten nicht mehr getätigt werden“, erklärt Mark Steh. In Kombination unterschiedlicher Faktoren kann leicht eine toxische Situation für Gastronomen und Hoteliers entstehen.

Was sollten Unternehmer tun, wenn die Zeichen auf Krise stehen

Das Wichtigste laut dem erfahrenen Fachanwalt für Insolvenzrecht ist: nicht den Kopf in den Sand stecken. „Geschwindigkeit ist die wichtigste Tugend für Unternehmer und Geschäftsführer. Wer zu lange wartet, wirft gutes eigenes Geld schlechtem hinterher und kann vielleicht nicht mehr gerettet werden. Wer aber frühzeitig leistungs- und finanzwirtschaftliche Sanierungsmaßnahmen vornimmt, kann oftmals eine neue Basis für die Zukunft schaffen.“ Solche Maßnahmen können eine Neuausrichtung des Geschäftsbetriebs sein, eine personelle Restrukturierung, eine Überprüfung und Verbesserung der allgemeinen Kostenquote. Entscheidend sei, keine Scheu vor Entscheidungen und ggf. auch harten Einschnitten zu haben. Um das Unternehmen wieder auf Spur zu bringen, sei Halbherzigkeit nicht angebracht, betont Mark Steh. „Das kann auch bedeuten, ein Insolvenzverfahren vorzubereiten und sich unter dem Schutz des Insolvenzrechts zu sanieren. Denn die Insolvenz bedeutet nicht das Ende, sondern schafft die Möglichkeit eines Neustarts.“

Lesen Sie auch
Gastro, Recht und GewerbeRecht und ComplianceArbeitszeit, Dienstplan, und SchichtplanungGehalt, Benefits und AltersversorgungManagement
Saisonarbeit im Gastgewerbe: Die rechtlichen Fallstricke bei kurzfristiger Beschäftigung

Wie kann die Insolvenz eine Lösung sein? Der Unternehmer verliert doch dabei die Kontrolle?

Zwar gilt die Insolvenz in Deutschland weiterhin als Schreckgespenst für Unternehmer, aber das Verfahren bietet auch die Möglichkeit, Unternehmen nachhaltig zu sanieren. „Wird beispielsweise ein Insolvenzplanverfahren durchgeführt, kann das Unternehmen unter gewissen Umständen in der Hand des ursprünglichen Eigentümers erhalten werden. Dann kann ein Hotelier oder Gastronom wieder mit einer gesunden Basis starten“, sagt Mark Steh, der bereits mehrfach Insolvenzplanverfahren durchgeführt hat. Im Kern stellt das Insolvenzplanverfahren einen vorwiegend vom Insolvenzverwalter erarbeiteten und administrierten Vergleich dar, durch den sowohl die Gläubiger bestmöglich befriedigt werden sollen als auch das Unternehmen erhalten bleiben soll.

Themen in diesem Artikel
ManagementInsolvenzInsolvenzverfahrenSanierung

Mithilfe dieses Sanierungsplans lassen sich Unternehmen unter Mitwirkung der Gläubiger und der Schuldnerorgane erhalten, wenn die Rahmenbedingungen dies ermöglichen. Vorteilhaft für die Sanierung im Insolvenzplanverfahren ist, dass Schuldner und Gläubiger von den Vorschriften der Insolvenzordnung abweichen können, wenn sie der Meinung sind, dass dies zu einer besseren Verwirklichung des Verfahrensziels führen kann. Dazu gehören beispielsweise die Vorgaben zur Regulierung der Schulden des insolventen Unternehmens. Auch lassen sich Verträge, insbesondere Dauerschuldverhältnisse im Insolvenzverfahren leichter beenden.

Voraussetzung für die Sanierung im Insolvenzplanverfahren ist, dass das Unternehmen leistungswirtschaftlich wirklich saniert werden kann und es seitens der Gläubiger keine schwerwiegenden Zweifel an der Kompetenz und Redlichkeit der Unternehmensführung gibt. „Bislang jedoch sind weniger als ein Prozent aller Insolvenzverfahren über einen Insolvenzplan beendet worden. Das zeigt, dass das Instrument noch weiteres Potenzial besitzt. Auch im Gastgewerbe kann das Insolvenzplanverfahren die Lösung einer ernsten wirtschaftlichen Krise sein“, betont Mark Steh.

Roberta Fele
Finanzen und Controlling

Wenn der Betrieb nicht mehr zu retten ist: Eine Gastronomin über Insolvenz und Neuanfang

Corona, ausbleibende Hilfen, steigende Kosten und wachsende Schulden: Federica Fele führte ein Event- und Cateringunternehmen und übernahm kurz vor der Pandemie ein historisches Gasthaus. Am Ende stand die Insolvenz. Ihr Erfahrungsbericht zeigt, warum der Schritt nicht nur ein Ende sein muss – und warum Betriebe Warnsignale früher ernst nehmen sollten.

ProFina Deutschland GmbH
Datenschutz

Mehr digitale Prozesse, mehr Risiken: Warum Cyberversicherungen für Gastronomiebetriebe immer wichtiger werden

Ein Kassensystem, das mitten im Wochenendgeschäft ausfällt, verlorene Reservierungsdaten, abgegriffene Gästeinformationen: Cyberangriffe treffen längst nicht mehr nur Großkonzerne. Auch kleine Restaurants, Cafés und Hotels rücken ins Visier der Kriminellen – oft ohne eigene IT-Abteilung im Rücken. Welche Absicherung dann wirklich hilft.

Pexels
Nachhaltigkeit und Umweltschutz

Altöl: Abfall oder Rohstoff? Vom Küchenrest zur Ressource

Dunkel, zäh, scheinbar wertlos – und doch ein begehrter Rohstoff für Biodiesel und Flugtreibstoff. Warum die Zukunft von gebrauchtem Speisefett in der Hotelküche entschieden wird und wie neun Betriebe zeigen, dass weniger Abfall keine Frage des Verzichts ist.

Weitere Artikel zum Thema

rawpixel.com
Beitragsfrei, flexibel, unkompliziert – so wirkt die kurzfristige Beschäftigung auf den ersten Blick. Doch schon ein einziger zu viel gearbeiteter Tag oder eine falsch eingestufte Aushilfe kann den Status rückwirkend kippen. Welche Kriterien wirklich zählen[...]
rawpixel.com
Roberta Fele
Corona, ausbleibende Hilfen, steigende Kosten und wachsende Schulden: Federica Fele führte ein Event- und Cateringunternehmen und übernahm kurz vor der Pandemie ein historisches Gasthaus. Am Ende stand die Insolvenz. Ihr Erfahrungsbericht zeigt, warum der Schritt[...]
Roberta Fele
VOIGT SALUS. Rechtsanwälte und Steuerberater
Die ersten 72 Stunden nach einem Insolvenzantrag entscheiden mit über den weiteren Verlauf. Doch welche Unterlagen verlangt der vorläufige Verwalter, wer darf noch Zahlungen auslösen – und ist der Verwalter Verbündeter oder Gegner? Ein Blick[...]
VOIGT SALUS. Rechtsanwälte und Steuerberater
刘 强, Unsplash
Eine gute Lage und eine bekannte Marke reichen bei Hotelinvestitionen zunehmend nicht mehr aus. Nach Einschätzung des Immobilienberaters Colliers prüfen Investoren genauer, wie leistungsfähig ein Hotelbetrieb tatsächlich ist. Bonität, digitale Prozesse, Kostenstrukturen und tragfähige Betreiberverträge[...]
刘 强, Unsplash
MICE Portal
Wer glaubt, Digitalisierung im Veranstaltungsmanagement beginne mit Künstlicher Intelligenz, denkt womöglich zu kurz. Rund 70 Fachleute aus Unternehmen, Hotellerie und Technologie fragten am Starnberger See, welche organisatorischen Weichen wirklich über den Erfolg entscheiden – und[...]
MICE Portal
Unser Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit regelmäßigen Informationen zum Thema Gastgewerbe. Ihre Einwilligung in den Empfang können Sie jederzeit widerrufen.