Preiskalkulation

Mit der Deckungsbeitragskalkulation zu mehr Gewinn

Mindestens 80 Prozent der Gastronomiebranche arbeiten immer noch mit einer Preiskalkulationsmethode, die nach dem Krieg entstanden ist: mit der Aufschlagskalkulation. Doch sollte ein System nach 40 Jahren nicht doch einmal infrage gestellt werden? Uwe Ladwig, Inhaber von F & B Support in Willich, erklärt, warum die sog. „Renner“ zum Verlust beitragen und wie Gastronomen mit Deckungsbeitragskalkulation spürbar mehr Geld am Ende des Monats erwirtschaften können.

© Uwe Ladwig

Immer noch wendet der Gastronom die Aufschlagskalkulation an und verschenkt damit jeden Tag sein hart verdientes Geld. Weil damals, unmittelbar nach dem Kriegsende, die Wareneinsätze die höchsten Kosten waren, wurden die Wareneinsatzkosten mit einem Faktor von 3 bis 4 multipliziert, um den Preis für ein Gericht zu berechnen. Das schien unkompliziert und einfach genug für Matheverweigerer. Selbst Steuer- und Betriebsberater waren damit zufrieden, da alles schlüssig und nachvollziehbar war. Doch ganz ehrlich, wer weiß wirklich noch, wie vor 40 Jahren der Kalkulationsfaktor 4 rechnerisch ermittelt wurde?

Diese Kalkulationsmethode funktioniert schon seit über 20 Jahren nicht mehr richtig gut, inzwischen sind nämlich die Personalkosten davon galoppiert. Wer noch immer nach der Aufschlagskalkulation Preise berechnet, produziert Renner. „Renner“ sind Gerichte, die sehr gut laufen, die aber einen zu niedrigen Deckungsbeitrag haben. Bei vielen Gastronomen weisen 40 bis 50 Prozent der Gerichte auf einen unter dem Durchschnitt liegenden Deckungsbeitrag hin. Das heißt: Je mehr Renner anstatt Gewinner Sie verkaufen, desto weniger Deckungsbeitrag erwirtschaften Sie im Durchschnitt.

Ich weiß von einem Ergebnis einer Umfrage, dass nur 25 Prozent der Gastronomen zum Zwecke des Geldverdienens (Focus Money) Gastronomie betreiben, 49 Prozent machen es zur Selbstverwirklichung (Focus Self-fulfillment) und 26 Prozent, weil sie Lebensmittel lieben (Focus Food). Ich bin Koch und liebe auch Lebensmittel, doch ich liebe auch das Rechnen plus – minus – mal – geteilt – Dreisatz und Excel. Mehr ist nicht notwendig.

Aufschlagskalkulation ist veraltet und unwirtschaftlich

Ich will Sie dazu motivieren, mit der Aufschlagskalkulation und dem Schätzen bei Preis, Menge, Deckungsbeitrag, Einkaufspreis usw. aufzuhören, damit Sie Ihre Kalkulationsmethode jetzt umstellen und mehr Geld am Monatsende übrig bleibt. Sie werden dieses Geld in den nächsten Monaten brauchen.

Egal, ob Sie die antiquierte Aufschlagskalkulation anwenden oder Ihre Preise noch aus dem Bauch kalkulieren: Mit jedem Tag, an welchem Sie mit der Deckungsbeitragskalkulation arbeiten, werden Sie mehr Geld verdienen und einen ruhigeren Schlaf haben. Denn viele Ihrer hervorragend laufenden Gerichte, die „Renner“, tragen schlimmstenfalls zum Verlust bei. Wie bitte? Currywurst, Burger, Flammkuchen, Schweineschnitzel, Matjes im Norden und Schweinebraten in Süddeutschland: Das sind alles Renner auf den Speisekarten. Sie haben aber noch eine andere Gemeinsamkeit: Alle haben einen niedrigen Wareneinsatz und gemäß der Methode Aufschlagskalkulation erzielen sie einen niedrigen Deckungsbeitrag (Nettoumsatz abzüglich des Wareneinsatzes). Diese aufgeführten Gerichte sind allesamt „Renner“, und der Deckungsbeitrag ist zu niedrig, um alle Betriebskosten und den Gewinn ausreichend zu decken. Deshalb heißt diese Kennzahl ja auch Deckungsbeitrag.

Die Gerichte auf der anderen Seite der Preisskala, zum Beispiel das Rinderfilet, haben einen hohen Wareneinsatz und werden durch die Aufschlagskalkulation entsprechend hochpreisig angeboten. Das Ergebnis: Kaum jemand bestellt das Gericht Rinderfilet für 38 Euro und höher. Letztendlich ist das eine unfaire Preispolitik gegenüber dem Kunden. Denn wer ein teures Gericht isst, sponsert letztendlich den Gast mit der günstigen Currywurst, Flammkuchen, Burger, Schnitzel, Schweinsbraten, Matjes Nordisch, Spaghetti, vegane und vegetarische Gerichte usw. – alle mit einem schwachen Deckungsbeitrag. Das funktioniert jedoch schon deshalb nicht, da nur 5 Prozent bis 10 Prozent der Hauptgerichte „Schläfer” mit einem sehr hohen Deckungsbeitrag sind. Das reicht nicht aus, um den schlechten Deckungsbeitrag von 40 bis  50 Prozent der Renner-Gerichte auszugleichen.

Deckungsbeitragskalkulation: Gleiche Gewinnspanne an jedem Gericht

Wie wäre es, wenn es Ihnen ganz egal sein kann, welches Gericht Ihr Gast wählt, weil Sie mit jedem Hauptgericht gleich viel Geld – Deckungsbeitrag – verdienen? Das schaffen Sie aber nur, wenn Sie sanft auf die Deckungsbeitragskalkulation umstellen.

Ein typisches Beispiel ist die Preisgestaltung für die Currywurst. In allen Betrieben ein Renner. Wie hoch ist Euer Deckungsbeitrag für Currywurst, Burger oder Schnitzel? Bei der ersten Speisendiagnose bei einem Kunden vor sechs Jahren errechneten wir einen Deckungsbeitrag von 4,17 Euro für die Currywurst, die einen Verkaufsanteil von 22 Prozent hatte und das meistverkaufte Hauptgericht war – ein Renner.  Ein ähnliches Beispiel kann ich Ihnen auch von einem 4-Sterne-Hotel in Hamburg zeigen. Überall das gleiche Problem, und keiner merkt es. Das meistverkaufte Gericht muss ein Gewinner sein. Sonst habe ich eine Speisekarte erstellt, die nicht das Ziel hat, Geld zu verdienen. 

Der Deckungsbeitrag bei der Currywurst ist mit 4,17 Euro niedriger als der durchschnittliche Deckungsbeitrag aller Hauptgerichte in diesem Betrieb. Dieser lag bei 5,56 Euro, wobei selbst der Durchschnittsdeckungsbeitrag viel zu niedrig ist. Die Currywurst wurde weit unter Preis, dem notwendigen Deckungsbeitrag, und – wie sich nachträglich herausstellte – weit unter dem möglichen Preis, den die Gäste bereit waren zu zahlen, verkauft. Da der Gastronom bis dato jedoch keine Speisendiagnose für die Preispolitik anwendete, konnte er nicht herausfinden, welchen Preis der Gast bereit war zu zahlen.

Deckungsbeitrags-Denken führt zu 93.000 Euro mehr Rohgewinn

In den nächsten Jahren erhöhte der eher zu vorsichtige Gastronom kontinuierlich die Preise seiner Renner, die damals 46,1 Prozent  seiner Hauptgerichte ausmachten. Er wechselte endlich von Wareneinsatzdenken, Rohgewinnaufschlagssatz und Aufschlagskalkulation auf die Deckungsbeitragskalkulation und das Deckungsbeitrags-Denken. Er schaffte es, den Durchschnittsdeckungsbeitrag auf nun 7,39 Euro zu erhöhen. Durch die Verbesserung von 1,83 Euro erzielte er bei 27.842 verkauften Gerichten damit einen 50.950 Euro höheren Gesamt-Deckungsbeitrag. 

Schade, dass dieser Gastronom ca. 20 Jahre mit der Umstellung seiner Denkweise gewartet hat. Nur durch die Veränderung seiner Denkweise und der Kalkulationsmethode bei Speisen, Getränken, Veranstaltungen, All-inklusiv-Feiern, Weihnachten und Silvester konnte der Gastronom bereits nach dem ersten Jahr der Umstellung etwa 93.000 Euro mehr Rohgewinn (das ist das andere Wort für Deckungsbeitrag) laut BWA Auswertung erzielen. 

Deckungsbeitragskalkulation hilfreich bei Betriebsprüfung

Das Kuriose an dieser Geschichte ist: wenn der Betrieb nicht eine Steuerprüfung bekommen hätte, würde er immer noch keine Rezepturen und Kalkulationen haben (wie ca. wie 80 Prozent der Gastronomen) und „Wareneinsatz mal 4“ aus dem Bauch rechnen oder „retrograd“, wie er seine Kalkulationsmethode nannte. Nur wegen der Steuerprüfung und weil er in diesem Zusammenhang seine niedrigeren Rohgewinnaufschlagsätze dem Finanzamt nachweisen wollte, hat er sich mit dem Thema auseinandergesetzt und die in die Jahre gekommene Kalkulationsmethode geändert. Die Betriebsprüfung war zum damaligen Zeitpunkt für ihn einerseits eine Krise und andererseits gleichzeitig das Beste, was ihm passieren konnte. Auch jetzt werden sich ganz viele Gastronomen mit diesem Thema beschäftigen müssen, weil sie sich in der Corona-Krise befinden. 

Corona-Krise als Chance für bessere Preiskalkulation nutzen

Leider scheinen die Menschen immer nur in einer Krise etwas zu ändern zu wollen. Auch hier passt wahrscheinlich die Formel von Vilfredo Pareto, nämlich das sogenannte 20 – 80 Prinzip. Wahrscheinlich werden wieder nur 20 Prozent der Betroffenen (wie nach den Krisen 2001 und 2008/2009) etwas unternehmen. Das sind dann die Gastronomen, die Gastronomie als Unternehmer betreiben. Ein Hoch auf die Krisen, dann bewegt sich endlich etwas. Die Aufschlagskalkulation ist seit 30 Jahren ein schleichender Virus, der sich auf das Ergebnis von 80 Prozent der gastronomischen Betriebe negativ ausgewirkt hat. 

Übrigens: Das hier geschriebene gilt auch für alle Betriebe der Gemeinschaftsgastronomie, wie Kantinen, Cafeterien und Mitarbeiterverpflegung usw. neudeutsch genannt werden.

Fazit

Hören Sie endlich mit der antiquierten Preisgestaltung und den „Pi mal Daumen“-BWL-Methoden auf. Steigen Sie um auf die Deckungsbeitragskalkulation, mit der u.a. nicht nur die beiden Aldi-Brüder nachweislich sehr viel Geld verdient haben. Wenden Sie im Jahr 2020 zeitgemäße BWL-Methoden an und vergessen Sie manches (nicht alles), was Sie in Ihrer Berufsausbildung, beim Meisterlehrgang oder BWL-Studium in zahlreichen IHKs, Berufsschulen und Hotelfachschulen gelernt haben. Nur weil es im 20 Jahre alten Lehrplan steht, bedeutet es nicht gleichzeitig, dass es auch (noch) richtig ist. Vieles im Lehrplan darf schon lange nicht mehr in der Praxis angewendet werden.

Uwe Ladwig ist Inhaber von F & B Support in Willich. Er unterstützt Gastronomen bei betriebswirtschaftlichen Herausforderungen wie, Kalkulation, Preisgestaltung, Speisendiagnose, Speisenkartengestaltung, Kennzahlensysteme, Budgetierung, Mitarbeitereinsatzplanung mit Umsatzprognose und Kennzahlen u.v.m. Er bietet Beratungssysteme mit Beratung, Coaching, Training, Seminar, WebSeminare, Onlinekurse, Onlinekurse im Mitgliedsbereich, Seminare, Schriftenreihe zum Küchenbetriebswirt , Weiterbildung zum Küchenbetriebswirt und Kalkulationspakete an. Für den Umstieg auf die Deckungsbeitragskalkulation gibt es einen Onlinekurs und Kalkulationsprogramme. Die Überlebensbox für die Gastronomie – 50 Dinge die Sie als Gastronom nicht mehr tun sollten und die 10-Geheim-Checklisten.

f-bsupport.de

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