Von der Nebensache zur gesellschaftlichen Infrastruktur
Die Bedeutung der Gastronomie hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Was früher als ergänzendes Angebot galt, entwickelt sich zunehmend zur tragenden Säule des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Der aktuelle Trendreport arbeitet diese Entwicklung systematisch heraus: Gastronomische Konzepte beeinflussen heute die Attraktivität von Stadtvierteln, die Wettbewerbsfähigkeit touristischer Destinationen und sogar Entscheidungen in der Verkehrsplanung.
Diese erweiterte Rolle zeigt sich in unterschiedlichsten Bereichen. Bildungseinrichtungen, Gesundheitsstandorte, Bürokomplexe und Verkehrsknotenpunkte – überall dort, wo Menschen zusammentreffen, entstehen neue Anforderungen an gastronomische Angebote. Der Report formuliert es pointiert: „Food & Beverage ist der Klebstoff der Gesellschaft.“ Diese Feststellung von Pierre Nierhaus hat seit ihrer Entstehung vor Jahren nichts an Aktualität verloren – im Gegenteil.
Die Qualität gastronomischer Infrastruktur entscheidet mittlerweile über Standortqualität und Aufenthaltsqualität gleichermaßen. Betriebe, die diese veränderte Rolle verstehen, können sich als aktive Gestalter von Lebensräumen positionieren.
Technologie trifft Gastfreundschaft: Die neue Dualität
Nach einer Phase der Verunsicherung kündigt sich laut Trendreport eine Neuausrichtung an. Künstliche Intelligenz, Robotik und Automatisierung halten Einzug in die Betriebsabläufe – nicht als Bedrohung, sondern als Werkzeuge zur Rückgewinnung von Planbarkeit und Effizienz. Gleichzeitig wächst auf Gästseite das Verlangen nach persönlicher Ansprache, individueller Atmosphäre und echten Begegnungen.
Diese scheinbare Gegensätzlichkeit prägt die kommenden Jahre: Technologie übernimmt Routineaufgaben und schafft damit Freiräume. Diese gewonnene Kapazität ermöglicht es dem Personal, sich auf das zu konzentrieren, was Maschinen nicht leisten können – authentische Gastfreundschaft. Der Report spricht vom „Comeback des Gastgebers“ und meint damit die Rückbesinnung auf die menschliche Komponente der Branche.
Für Betriebsinhaber bedeutet das konkret: Investitionen in digitale Systeme und Schulungen für persönlichen Service müssen parallel laufen. Wer nur auf einen Aspekt setzt, verpasst die Chance dieser Entwicklungsphase. Wie F&B-Expertin Gretel Weiß es formulierte: „Gastronomie ist keine Insel.“
Drei Säulen des künftigen Erfolgs
Die sechste Ausgabe des Reports gliedert die Analyse in drei Hauptbereiche. Den Anfang machen zehn zentrale Entwicklungen: Longevity als Ernährungstrend, die Snack Society als Antwort auf veränderte Essgewohnheiten, der systematische Einsatz Künstlicher Intelligenz, Mindful Drinking als bewusster Alkoholkonsum und die bereits erwähnte Rückkehr des Gastgebers als Persönlichkeit.
Der zweite Block widmet sich der veränderten Esskultur. Diese wird zunehmend demokratischer – Gäste erwarten Mitsprache und Transparenz. Sie wird geteilt – im wörtlichen wie im digitalen Sinn. Und sie wird inszeniert – das Erlebnis rund um das Essen gewinnt an Bedeutung gegenüber dem reinen Produkt.
Der dritte Abschnitt beleuchtet neun Kernbereiche der Hospitality-Branche. Systemgastronomie etwa funktioniert nach der Formel „70 Prozent Standard, 30 Prozent Seele“ – Effizienz trifft auf lokale Identität. Bäckerei-Gastronomie inszeniert „den Ofen als Bühne“ und macht Produktion zum Erlebnis. Verkehrsgastronomie muss verstehen, dass „Transit Erlebnis braucht“ – Wartezeit wird zur Verweilzeit. Weitere Segmente sind Stadtteilleben, Hotellerie, Retail und Bildung.
Klare Positionierung statt Beliebigkeit
Der Report versteht sich bewusst als Orientierungshilfe und Anstoß zugleich. Alle analysierten Entwicklungen münden in eine zentrale Empfehlung: Erfolgreiche Konzepte der kommenden Jahre verbinden Erlebnis, Haltung und Story zu einem überzeugenden Gesamtbild. Beliebigkeit und Austauschbarkeit sind keine tragfähigen Strategien mehr.
Pierre Nierhaus formuliert es so: „Wichtiger denn je ist im Jahr 2026 eine klare Positionierung. Gleichzeitig braucht es Zuversicht und Mut. Wer Gastronomie richtig versteht, gestaltet Zukunft.“
Diese Aussage richtet sich gleichermaßen an etablierte Betriebe wie an Neueinsteiger. Die Frage ist nicht, ob Veränderung kommt – sondern wie Betriebe sie für sich nutzen. Wer die gesellschaftliche Funktion von Gastronomie begreift, technologische Möglichkeiten mit menschlicher Kompetenz verbindet und ein unverwechselbares Profil entwickelt, positioniert sich als Gestalter statt als Getriebener.
Fazit
Der Gastronomie Trendreport 2026/27 zeichnet das Bild einer Branche im Umbruch – aber nicht im Niedergang. Nach Jahren der Krise und Unsicherheit eröffnen sich neue Chancen für Betriebe, die bereit sind, ihre Rolle neu zu definieren. Die zentrale Erkenntnis: Gastronomie ist längst mehr als Speisenversorgung. Sie schafft Begegnungsräume, stiftet Identität und beeinflusst die Lebensqualität ganzer Regionen.
Die Herausforderung liegt in der intelligenten Verknüpfung scheinbar widersprüchlicher Elemente. Automatisierung und Gastfreundschaft, Standardisierung und Individualität, Effizienz und Erlebnis – wer diese Spannungsfelder auflöst statt sie gegeneinander auszuspielen, schafft Konzepte mit Zukunftsperspektive.
Entscheidend wird die Haltung: Betriebe brauchen den Mut zur klaren Positionierung, die Bereitschaft zur Investition in Technologie und Personal gleichermaßen sowie das Verständnis für ihre erweiterte gesellschaftliche Funktion. Der Report liefert dafür Orientierung, Impulse und konkrete Ansatzpunkte – die Umsetzung liegt bei den Gastgeberinnen und Gastgebern selbst.
Handlungsempfehlungen
- Definieren Sie Ihre erweiterte Rolle: Analysieren Sie, welche Funktion Ihr Betrieb über die reine Bewirtung hinaus erfüllt – als Treffpunkt im Viertel, als Pausenraum für Berufstätige oder als kultureller Ankerpunkt. Bauen Sie Ihr Konzept um diese Funktion herum auf.
- Investieren Sie parallel in Technik und Menschen: Identifizieren Sie Prozesse, die sich automatisieren lassen, und nutzen Sie die gewonnenen Ressourcen für Schulungen in Gastfreundschaft und persönlichem Service. Beides muss Hand in Hand gehen.
- Entwickeln Sie eine eindeutige Positionierung: Arbeiten Sie heraus, wofür Ihr Betrieb steht – kulinarisch, atmosphärisch und haltungsmäßig. Kommunizieren Sie diese Identität konsistent und verzichten Sie auf beliebige Angebotserweiterungen, die nicht zu Ihrem Profil passen.
- Beobachten Sie die genannten Trends systematisch: Prüfen Sie für Ihren Betrieb, welche der zehn Toptrends (Longevity, Snack Society, KI, Mindful Drinking etc.) relevant sind, und entwickeln Sie konkrete Umsetzungsideen statt abzuwarten.
- Verstehen Sie Ihr Segment neu: Nutzen Sie die Impulse aus dem Report für Ihr spezifisches Segment – ob Systemgastronomie, Bäckerei, Verkehrsgastronomie oder anderer Bereich – und überprüfen Sie, ob Ihr aktuelles Konzept den veränderten Anforderungen noch entspricht.








