Seit Januar 2026 gilt in der Gastronomie wieder der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Doch warum kommt die Ersparnis kaum bei den Gästen an – und wie stabilisiert sie stattdessen eine unter Druck stehende Branche? Natalie Seifert, Head of Marketing bei orderbird, analysiert die Daten und zeigt Perspektiven auf.
Warum wurde die Mehrwertsteuer auf Speisen wieder auf sieben Prozent gesenkt?
Die Rückkehr zum ermäßigten Steuersatz ist eine Reaktion auf die anhaltenden Herausforderungen der Gastronomiebranche. Die Senkung schafft zunächst überfällige Gleichbehandlung: Bisher zahlten Gäste in Restaurants 19 Prozent Mehrwertsteuer – für To-Go-Essen oder Supermarkt-Mahlzeiten nur 7 Prozent, obwohl die Lebensmittel dieselben sind. Ursprünglich als Corona-Hilfe eingeführt, soll die Maßnahme zudem dauerhaft Entlastung schaffen, insbesondere angesichts gestiegener Kosten für Energie, Personal und Wareneinsatz. Die Politik erkennt damit an, dass die Gastronomie als systemrelevante Branche Unterstützung braucht, um Arbeitsplätze zu sichern und wirtschaftliche Stabilität zu wahren.
Wie reagieren Gastronominnen und Gastronomen auf die Senkung?
Eine aktuelle Auswertung von orderbird (in Kooperation mit dem Tagesspiegel, der Stuttgarter Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) zeigt ein differenziertes Bild:
- 73 Prozent der Restaurants haben ihre Preise unverändert gelassen.
- 17 Prozent haben sie erhöht (davon 14 % nur moderat).
- Neun Prozent haben die Senkung an die Gäste weitergegeben.
Die Mehrwertsteuersenkung ist nicht mit einem Rabatt für Gäste gleichzusetzen, sondern eine Notwendigkeit für die Branche.
Die Daten basieren auf Bestelldaten von 2.749 Restaurants (Oktober 2025–Februar 2026).
Warum geben so wenige Restaurants die Ersparnis weiter?
Die Gründe liegen vor allem in der Kostenentwicklung der Branche und zeigen, warum die Senkung vor allem der wirtschaftlichen Stabilität dient:
- Personalkosten: Der Mindestlohn stieg 2026 auf 13,90 Euro.
- Lebensmittel verteuerten sich um über 35 Prozent seit 2020 (Rindfleisch: +15 Prozent im Januar 2026 vs. Vorjahr)
- Energiekosten explodierten seit 2022 (Erdgas: +246 Prozent im Februar 2022 – die Folgen wirken bis heute nach)
- Finanzielle Situation: Laut orderbirds Gastrostimmungsbarometer 2025 bewerten 44 Prozent der Befragten ihre Lage schlechter als vor vier Jahren.
Die Senkung wird daher genutzt, um Betriebskosten auszugleichen. Sie ermöglicht es Betrieben, Investitionen zu tätigen, Personal zu halten und die Qualität ihrer Angebote aufrechtzuerhalten. Eine direkte Preissenkung wäre für viele schlicht nicht tragbar.
Was bedeutet die Senkung für die Gäste?
Für Gäste mag es enttäuschend sein, dass die Preise nicht sinken. Doch die Senkung dient primär der Existenzsicherung der Betriebe. Sie sichert langfristig die gewohnte Vielfalt, Qualität und den persönlichen Service, den Gäste am Restaurantbesuch schätzen – und verhindert weitere Schließungen.
Was bedeutet das für die Zukunft der Gastronomie?
Die Daten belegen: Die Mehrwertsteuersenkung ist nicht mit einem Rabatt für Gäste gleichzusetzen, sondern eine Notwendigkeit für die Branche. Sie schafft:
- Planungssicherheit für Betriebe in unsicheren Zeiten.
- Stabilität trotz hoher Energie-, Personal und Lebensmittelkosten.
- Erhalt von Arbeitsplätzen – besonders in lokalen, oft familiengeführten Betrieben.
- Bewahrung kulinarischer Vielfalt durch regionale Spezialitäten, internationale Küchen und handwerkliche Traditionen.
Restaurants, Cafés und Bars sind mehr als Verpflegungsstätten – sie sind soziale Treffpunkte, stärken gesellschaftlichen Zusammenhalt und regionale Wirtschaftskreisläufe.
Fazit: Stabilität durch sieben Prozent – warum sie mehr als eine Entlastung ist
Die Mehrwertsteuersenkung ist eine Überlebenshilfe für die Gastronomie. Sie ermöglicht es Betrieben, gestiegene Kosten zu tragen und ihre Existenz zu sichern – und bleibt damit eine Investition in die Stabilität und Vielfalt der Branche.
Zur Methodik
Gemeinsam mit der „Stuttgarter Zeitung" und der Lokalredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hat der Tagesspiegel aggregierte Bestelldaten des Zahlungsdienstleisters orderbird vom 1. Oktober 2025 bis zum 25. Februar 2026 ausgewertet. Berücksichtigt wurden ausschließlich Speisen für den Vor-Ort-Verzehr (keine Getränke) sowie Betriebe mit mindestens drei auswertbaren Gerichten. Für jedes Gericht wurde die durchschnittliche monatliche Preisentwicklung berechnet und anschließend auf Restaurantebene zusammengeführt.











