Suche

MwSt-Erhöhung träfe Hotelgastronomie besonders hart, wie eine betriebswirtschaftliche Auswertung zeigt

In einem Betriebsvergleich mit tatsächlichen Zahlen aus 2019 bis 2022 haben sich das IT- und Consulting-Unternehmen Eagle Control und die HGK Umsätze, Kosten und Gewinne vor und nach Corona genau angesehen und eine mögliche Mehrwertsteuer-Erhöhung zum 1.1.2024 simuliert. Die Ergebnisse zeigen, dass schon heute mit Hotelgastronomie kein Geld verdient wird.

Towfiqu barbhuiya, UnsplashTowfiqu barbhuiya, Unsplash

Während die Hotelgastronomie in 2019 noch mit einer durchschnittlich negativen Umsatzrendite von -11 Prozent unterwegs war, konnte der Verlust in 2022 aufgrund der befristeten Mehrwertsteuer Senkung und der Corona-Hilfen auf -2 Prozent gedrückt werden. Allerdings: Die im 2. Quartal 2022 einsetzenden Kostensteigerungen haben dabei noch nicht voll auf das Jahr durchgeschlagen. Vor allem hatten viele Betriebe noch laufende Bezugsverträge für Energie. Demnach wird das Bild für das aktuelle Jahr 2023 ganz anders aussehen. Und nun womöglich eine Rückkehr zum vollen Steuersatz zum 01.01.2024? Allein um dann den gleichen Nettoumsatz wie in 2022 zu erzielen, müssten die Brutto-Preise für Speisen in 2024 gegenüber 2022 – Kostensteigerungen noch gar nicht eingerechnet – um rund 11 Prozent steigen. Aufgrund der wegfallenden Hilfen und der deutlich gestiegenen Kosten in allen Bereichen wird dies jedoch immer noch nicht reichen, um einen Gewinn zu erzielen. „Bei 6 Prozent Inflation in 2023 und angenommen 3 Prozent Inflation in 2024 hätten die Betriebe im Schnitt nochmals ca. 140.000 Euro zusätzliche Kosten, die ebenfalls durch Preiserhöhungen ausgeglichen werden müssen,“ rechnet Philipp Nusser, Leitender Berater bei Eagle Control, vor.

Wie in ihrem Betriebsvergleich sichtbar, haben sich bereits vor Einsetzen der Inflation die Unternehmer in der Hospitality gescheut, ihre regulären Kostensteigerungen in voller Höhe an ihre Gäste weiterzugeben. „Verständlich“, so Dr. Urban Uttenweiler, Vorstandsvorsitzender der HGK: „Denn wenn auch die Preiselastizitäten in der Gastronomie nicht – wie im Logis mit Revenue- und Yieldsystemen – ermittelt und Preise wie Margen austariert werden können, so haben doch die Gastgeber ein gutes Gespür dafür, wann es ‚kippt‘, also Gäste nicht mehr bereit sind, den betriebswirtschaftlich erforderlichen Preis zu zahlen“. In Zeiten des Personal- und Fachkräftemangels ist hier tatsächlich noch mehr Sensibilität erforderlich. Naturgemäß schwindet die Akzeptanz für höhere Preise, wenn gleichzeitig die Leistung abnimmt. „Ohne eine zweistellige Preiserhöhung zur Kompensation der gestiegenen Mehrwertsteuer und weiteren inflationsbedingten Kostensteigerungen, würde sich allerdings der Verlust in der Hotelgastronomie auf hier durchschnittlich gut 300 Tausend Euro pro Betrieb addieren“, konstatieren Uttenweiler und Nusser.

„Allein fiskalisch ist die Mehrwertsteuer ein durchlaufender Posten für den Unternehmer. Er kann nämlich nicht die Rechnung ohne den Gast machen: Preiserhöhungen gehen mit geringer Frequenz und/oder geringeren Durchschnitts-Rechnungen einher. Lakonisch zu konstatieren „Markt und Wettbewerb funktionieren so“ trifft die Sache eben nur zum Teil, wenn generell „Aus-Essen-gehen“ zum Luxus wird“, führt Uttenweiler aus. Denn aktuell häufen sich Berichte in den Medien, dass für Freizeit und Essen-Gehen zu wenig übrigbleibt.

Partner aus dem HORECA Scout

Betriebswirtschaftlich möge man einwenden, dass die Hotelgastronomie schon seit jeher ein Verlustgeschäft ist und es auf die Gesamt-Rentabilität des Hauses – also incl. Logis – ankommt. Auch die haben sich Eagle Control und HGK angesehen. Diese lag nach Abzug des Unternehmerlohns in 2022, das noch ein vergleichsweise gutes Jahr war, bei nur knapp 4 Prozent vom Umsatz. Absolut bleiben danach bei den im Betriebsvergleich teilnehmenden 80 Häusern unterm Strich noch 100 Tausend Euro. „Davon sind Steuern zu zahlen, Investitionen zu tätigen und womöglich auch Darlehen zu tilgen“, führt Nusser aus.

Die Simulation einer Rückkehr zu vollen Steuersätzen auf Speisen zeigt außerdem, wie sich die dann defizitäre Hotelgastronomie auf die Rentabilität des gesamten Unternehmens niederschlägt: Insbesondere bei kleineren bis mittleren Betrieben – der Break-even liegt bei 2.700 Tausend Euro Umsatz p.a. – bleibt praktisch nichts mehr übrig. „Als Konsequenz werden viele solcher Betriebe eine harte Entscheidung zu treffen haben. Die Alternative zu großen, aber notwendigen Preissprüngen könnten vermehrt Schließungen von hoteleigenen Restaurants sein, da diese den Gesamtbetrieb durch ihre defizitäre Lage wirtschaftlich zu sehr belasten“, so Nusser und folgert „Damit würde sich die Qualität und Vielfalt der Hotellandschaft in Deutschland deutlich verändern und ein wichtiges Stück Gastgeberkultur vom Markt verschwinden“.

Uttenweiler resümiert: „Während in 23 von 27 EU-Ländern einheitlich ein um etwa 10 Prozent-Punkte niedrigerer Steuersatz auf Speisen und Essen gilt, und zwar unabhängig von Zubereitung oder Verzehrort, treibt der deutsche Sonderweg also nicht allein die Inflation, die es doch einzudämmen gilt. Die Erhöhung geht Unternehmen der Branche ins Mark – von rein gastronomischen Betrieben ohne Logis ganz zu schweigen. Des Weiteren konterkariert sie Programme und Interessen – auch solche der Bundesregierung – wie gesunde, nachhaltig erzeugte und dennoch bezahlbare Mahlzeiten in Kitas, sowie auch die Erhaltung ländlicher Gasthöfe mit ihrer gemeinschaftsstiftenden Funktion.“

Lesen Sie auch
Recht und ComplianceSteuernGehalt, Benefits und Altersversorgung
Gesetzliche Änderungen zum 1. Januar 2026 für Gastronomie und Hotellerie

Autoren

Dr. Urban Uttenweiler führt heute die marktführende Einkaufs- und Dienstleistungskooperation der Hospitality in Deutschland HGK mit 3150 Mitgliedsbetrieben und Sitz in Hannover.

Themen in diesem Artikel
Mehrwertsteuer

Philipp Nusser ist leitender Berater von Eagle Control mit dem gleichnamigen betriebswirtschaftlichen Steuerungsinstrument für die Hospitality, das die HGK als „ChefsCockpit“ anbietet.

Canva
Finanzen und Controlling

GEMA passt TV-Tarif an: Rückerstattungen für Gastgewerbe möglich

Die GEMA hat den Tarif für die öffentliche Wiedergabe von Fernsehsendungen (FS-Tarif) zum 1. Januar 2025 angepasst. Grundlage ist ein Urteil des Oberlandesgerichts München. Die Änderung betrifft unmittelbar die Einstufung von Fernsehgeräten nach Bildschirmgröße und die Art der Berechnung der Vergütung. Für viele Betriebe kann dies zu geringeren laufenden Kosten und zu Rückerstattungen führen.

Online Birds
Künstliche Intelligenz, KI und Automation

Social GEO: Schon wieder nur ein neues Buzzword oder doch entscheidend für eine gute KI-Sichtbarkeit von Hotels?

Die Sichtbarkeit von Hotels verlagert sich zunehmend in KI-gestützte Such- und Empfehlungssysteme. Social GEO – die strategische Optimierung von Social-Media-Inhalten für KI-basierte Entscheidungsprozesse – wird dabei zum entscheidenden Faktor. Philipp Ingenillem, Branchenexperte und Gesellschafter von Online Birds, über die Bedeutung von Social GEO und eine kostenfreie Online-Session im Februar.

DEHOGA Bundesverband
Branche und Trends

DEHOGA launcht digitale Wissensplattform für Mitgliedsbetriebe

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) stellt seinen Mitgliedern ab sofort eine KI-gestützte Mobile App zur Verfügung. Die Anwendung konsolidiert erstmals das gesamte Verbandswissen in einem digitalen Werkzeug – von rechtlichen Grundlagen über betriebliche Checklisten bis zu regionalen Brancheninformationen. Statt mühsamer Recherche erhalten Gastronomen und Hoteliers durch Künstliche Intelligenz sofort aufbereitete Antworten aus verifizierten Quellen.

WWS Wirtz, Walter, Schmitz GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Steuerberatungsgesellschaft
Finanzen und Controlling

Unternehmensverkauf im Gastgewerbe: Übergang in den Ruhestand als strategische und finanzielle Herausforderung

Der Verkauf eines Hotels oder gastronomischen Betriebs aus Altersgründen ist eine komplexe, strategisch anspruchsvolle Transaktion, die fundierte Vorbereitung, wirtschaftliches Augenmaß und Verhandlungsgeschick erfordert. Eine realistische Bewertung, eine frühzeitig durchgeführte Verkäufer-Due-Diligence sowie ein klar strukturiertes Verhandlungskonzept sind zentrale Erfolgsfaktoren auf dem Weg zu einem fairen und tragfähigen Kaufpreis.

Thomas Wagner, Messe Stuttgart
Branche und Trends

INTERGASTRA 2026: Wie das Young Talents Camp der Branche neuen Schwung gibt

Der Fachkräftemangel trifft das Gastgewerbe härter als viele andere Branchen. Die INTERGASTRA 2026 setzt mit dem Young Talents Camp ein deutliches Zeichen: In Halle 7 entsteht ein Erlebnisraum, der jungen Menschen zeigt, welche Perspektiven Hotellerie und Gastronomie bieten – fernab von Hochglanzbroschüren, dafür mit echten Einblicken von Praktikern.

BRITA
Events und Messen

BRITA auf der INTERGASTRA 2026: Wie intelligente Wasserfiltration Betriebsabläufe vereinfacht

Der Wasserfilterspezialist BRITA nutzt die INTERGASTRA 2026 in Stuttgart für die Präsentation mehrerer Neuheiten aus dem Profi-Segment. Im Mittelpunkt stehen digitale Überwachungssysteme, die den Filterwechsel automatisieren, sowie spezialisierte Lösungen für Spülmaschinen und Dampfgargeräte. Messebesucher können sich von Live-Demonstrationen überzeugen und frisch zubereitete Kostproben genießen.

Weitere Artikel zum Thema

boliviainteligente, Unsplash
Einheitliche Umsatzsteuer auf Speisen, höherer Mindestlohn, angepasste Minijob-Grenzen – der Jahreswechsel 2026 bringt eine Reihe verbindlicher Neuregelungen mit sich. Für Gastronomen und Hoteliers bedeutet das: Kassensysteme müssen aktualisiert, Lohnabrechnungen angepasst und Sachbezugswerte neu kalkuliert werden.[...]
boliviainteligente, Unsplash
DEHOGA Bundesverband, Svea Pietschmann
Der Bundesrat hat grünes Licht gegeben: Ab sofort gilt für alle Speisen in der Gastronomie ein einheitlicher Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent. Was auf den ersten Blick wie eine reine Steuerfrage aussieht, ist in Wahrheit eine[...]
DEHOGA Bundesverband, Svea Pietschmann
Louis Hansel, Unsplash
Von politischer Seite besteht die deutliche Forderung, die Senkung der Mehrwertsteuer spürbar an die Restaurant Besucher weiterzugeben. Der DEHOGA dagegen dämpft die Erwartungen, da die tatsächliche Entlastung in der Gastronomie nur bei 3% liege, da[...]
Louis Hansel, Unsplash
Kemal Üres
Die Gastronomiebranche atmet auf: Am 9. April 2025 wurde in den Sondierungsgesprächen zur Regierungsbildung die dauerhafte Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen von 19 % auf 7 % vereinbart. Diese Regelung soll ab dem 1. Januar[...]
Kemal Üres
Yankrukov, Pexels
Die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Speisen in der Gastronomie von sieben auf 19 Prozent zum 1. Januar 2024 stößt in der Bevölkerung auf breite Ablehnung. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA im Auftrag[...]
Yankrukov, Pexels
Unser Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit regelmäßigen Informationen zum Thema Gastgewerbe. Ihre Einwilligung in den Empfang können Sie jederzeit widerrufen.