Suche

Arbeitnehmer trägt weiter die Beweislast für Überstunden

Nach dem sogenannten Stechuhr-Urteil des EuGH durften Arbeitnehmer hoffen, dass es für sie leichter wird, die Vergütung ihrer Überstunden durchzusetzen. Das Bundesarbeitsgericht hat ihnen jedoch mit Urteil vom 4. Mai 2022 einen Strich durch die Rechnung gemacht. Was das Urteil für Arbeitnehmer- und geber bedeutet, erläutert Rechtsanwalt Marcel Seifert.

BRÜLLMANN Rechtsanwälte

„Das BAG hat klargesellt, dass die Beweislast für Überstunden nach wie vor beim Arbeitnehmer liegt und auch das Urteil des EuGH daran nichts ändert“, sagt Rechtsanwalt Marcel Seifert, BRÜLLMANN Rechtsanwälte.

Nach dem Wegfall der meisten Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie darf in der Gastronomie auf bessere Zeiten mit steigenden Umsätzen gehofft werden. Mit den voll besetzten Tischen dürfte auch das Thema Überstunden wieder stärker in den Blickpunkt rücken. Arbeitnehmer müssen dabei beachten, dass ein Anspruch auf Vergütung der Überstunden nur dann besteht, wenn sie vom Arbeitgeber angeordnet oder nachträglich gebilligt wurden. Zudem muss der Arbeitnehmer darlegen und beweisen können, dass er die Überstunden geleistet hat.

Nach dem viel beachteten „Stechuhr-Urteil“ des Europäischen Gerichtshofs kam die Meinung auf, dass sich die Darlegungs- und Beweislast zu Gunsten des Arbeitnehmers verschoben hat und der Arbeitgeber stärker in der Pflicht steht. Dem ist nach der aktuellen Rechtsprechung des BAG jedoch nicht so, erklärt Rechtsanwalt Seifert.

Partner aus dem HORECA Scout

Was hat der EuGH mit dem sog. Stechuhr-Urteil entschieden?

Der EuGH hat mit Urteil vom 14. Mai 2019 entschieden, dass die Arbeitgeber verpflichtet sind, ein System einzurichten, mit dem die Arbeitszeit des Arbeitnehmers gemessen werden kann (Az.: C-55/18). Ohne ein solches System könne weder die tägliche Arbeitszeit eines Arbeitnehmers noch die Zahl der geleisteten Überstunden objektiv und verlässlich ermittelt werden, so der EuGH.

Die korrekte Ermittlung der täglichen Arbeitszeit sei jedoch wichtig, um festzustellen, ob die wöchentliche Höchstarbeitszeit einschließlich Überstunden nicht überschritten wird und Ruhezeiten eingehalten werden, stellten die Luxemburger Richter weiter fest. Dies diene dem Schutz der Sicherheit und der Gesundheit der Arbeitnehmer. Arbeitgeber seien daher verpflichtet, ein objektives, verlässliches und zugängliches System einzurichten, mit dem die tägliche Arbeitszeit eines Arbeitnehmers erfasst werden kann.

Lesen Sie auch
Finanzen und ControllingRecht und ComplianceRechtsprechung und Urteile
GEMA passt TV-Tarif an: Rückerstattungen für Gastgewerbe möglich

Worum ging es vor dem Bundesarbeitsgericht?

Das BAG verhandelte die Klage eines Lieferfahrers auf Vergütung seiner Überstunden. Bei ihm wurden Beginn und Ende seiner Arbeitszeit durch ein Zeiterfassungssystem ermittelt. Detaillierter arbeitete das System jedoch nicht, Pausen wurden nicht festgehalten. Als das Arbeitsverhältnis beendet wurde, verlangte der Fahrer die Vergütung seiner Überstunden. Laut des Zeitaufzeichnungssystems hatten sich insgesamt 348 Überstunden angesammelt. Die Überstunden seien besonders deshalb angefallen, weil er auf Pausen verzichtet habe, führte der Fahrer aus. Anders hätte er die täglichen Auslieferungen nicht schaffen können.

Themen in diesem Artikel
PersonalentwicklungÜberstunden

Was hat das BAG entschieden?

Die Klage des Fahrers hatte in erster Instanz vor dem Amtsgericht Emden Erfolg. Das Gericht verwies auf die Rechtsprechung des EuGH. Der Arbeitgeber habe kein exaktes Zeiterfassungssystem zur Verfügung gestellt. Daher reiche der pauschale Vortrag des Fahrers zu den Überstunden aus. Der Arbeitgeber müsse darlegen, dass es die Überstunden nicht gegeben hat.

Das Landesarbeitsgericht Niedersachen kippte das Urteil jedoch und das BAG hat diese Entscheidung bestätigt. Auch wenn der Arbeitgeber kein System zur exakten Zeiterfassung zur Verfügung gestellt habe, bleibe es dabei, dass die Darlegungs- und Beweislast für Überstunden beim Arbeitnehmer liege, so das BAG. Demnach hätte der Fahrer darlegen müssen, dass er die Pausen durchgearbeitet hat und dass dies nötig war, um die Lieferungen auszuführen.

Das „Stechuhr-Urteil“ des EuGH habe an dieser Beweislast nichts geändert. Dabei sei es darum gegangen, Aspekte der Arbeitszeitgestaltung zum Schutz der Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer zu regeln. Die Entscheidung spiele jedoch für die Vergütung der Arbeitnehmer grundsätzlich keine Rolle und habe keinen Einfluss auf die Verteilung der Darstellungs- und Beweislast hinsichtlich der Vergütung von Überstunden, entschieden die Erfurter Richter.

Lesen Sie auch
Künstliche Intelligenz, KI und AutomationSoftware und SystemeMarketing
Social GEO: Schon wieder nur ein neues Buzzword oder doch entscheidend für eine gute KI-Sichtbarkeit von Hotels?

Was bedeutet das Urteil des BAG für Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Gastronomie?

„Nach dieser Entscheidung des BAG sollten Arbeitnehmer ihre Überstunden detailliert erfassen und belegen können“, so Rechtsanwalt Seifert. Grundsätzlich sollte die Leistung von Überstunden immer mit dem Arbeitgeber abgesprochen und genehmigt werden, damit ein Anspruch auf Vergütung besteht“, so Rechtsanwalt Seifert.

Arbeitgeber müssen nach der aktuellen Rechtsprechung des BAG zwar nicht nachweisen, dass die Überstunden nicht geleistet wurden. Rechtsanwalt Seifert: „Das entbindet sie allerdings nicht von der Verpflichtung ein System zur korrekten Erfassung der täglichen Arbeitszeit einzuführen.“

Über Marcel Seifert

Rechtsanwalt Marcel Seifert ist geschäftsführender Partner der Kanzlei BRÜLLMANN Rechtsanwälte in Stuttgart. Neben dem Bank- und Kapitalmarktrecht ist das Arbeitsrecht ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit. Die Kanzlei BRÜLLMANN Rechtsanwälte bietet professionelle Unterstützung bei der Lösung von Konflikten am Arbeitsplatz. Wir vertreten Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei Auseinandersetzungen um Arbeitsverträge, Kündigungen, Ansprüchen und sonstigen arbeitsrechtlich relevanten Angelegenheiten in außergerichtlichen Verfahren oder vor dem Arbeitsgericht.

bruellmann.de

Canva
Finanzen und Controlling

GEMA passt TV-Tarif an: Rückerstattungen für Gastgewerbe möglich

Die GEMA hat den Tarif für die öffentliche Wiedergabe von Fernsehsendungen (FS-Tarif) zum 1. Januar 2025 angepasst. Grundlage ist ein Urteil des Oberlandesgerichts München. Die Änderung betrifft unmittelbar die Einstufung von Fernsehgeräten nach Bildschirmgröße und die Art der Berechnung der Vergütung. Für viele Betriebe kann dies zu geringeren laufenden Kosten und zu Rückerstattungen führen.

Online Birds
Künstliche Intelligenz, KI und Automation

Social GEO: Schon wieder nur ein neues Buzzword oder doch entscheidend für eine gute KI-Sichtbarkeit von Hotels?

Die Sichtbarkeit von Hotels verlagert sich zunehmend in KI-gestützte Such- und Empfehlungssysteme. Social GEO – die strategische Optimierung von Social-Media-Inhalten für KI-basierte Entscheidungsprozesse – wird dabei zum entscheidenden Faktor. Philipp Ingenillem, Branchenexperte und Gesellschafter von Online Birds, über die Bedeutung von Social GEO und eine kostenfreie Online-Session im Februar.

DEHOGA Bundesverband
Branche und Trends

DEHOGA launcht digitale Wissensplattform für Mitgliedsbetriebe

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) stellt seinen Mitgliedern ab sofort eine KI-gestützte Mobile App zur Verfügung. Die Anwendung konsolidiert erstmals das gesamte Verbandswissen in einem digitalen Werkzeug – von rechtlichen Grundlagen über betriebliche Checklisten bis zu regionalen Brancheninformationen. Statt mühsamer Recherche erhalten Gastronomen und Hoteliers durch Künstliche Intelligenz sofort aufbereitete Antworten aus verifizierten Quellen.

WWS Wirtz, Walter, Schmitz GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Steuerberatungsgesellschaft
Finanzen und Controlling

Unternehmensverkauf im Gastgewerbe: Übergang in den Ruhestand als strategische und finanzielle Herausforderung

Der Verkauf eines Hotels oder gastronomischen Betriebs aus Altersgründen ist eine komplexe, strategisch anspruchsvolle Transaktion, die fundierte Vorbereitung, wirtschaftliches Augenmaß und Verhandlungsgeschick erfordert. Eine realistische Bewertung, eine frühzeitig durchgeführte Verkäufer-Due-Diligence sowie ein klar strukturiertes Verhandlungskonzept sind zentrale Erfolgsfaktoren auf dem Weg zu einem fairen und tragfähigen Kaufpreis.

Thomas Wagner, Messe Stuttgart
Branche und Trends

INTERGASTRA 2026: Wie das Young Talents Camp der Branche neuen Schwung gibt

Der Fachkräftemangel trifft das Gastgewerbe härter als viele andere Branchen. Die INTERGASTRA 2026 setzt mit dem Young Talents Camp ein deutliches Zeichen: In Halle 7 entsteht ein Erlebnisraum, der jungen Menschen zeigt, welche Perspektiven Hotellerie und Gastronomie bieten – fernab von Hochglanzbroschüren, dafür mit echten Einblicken von Praktikern.

BRITA
Events und Messen

BRITA auf der INTERGASTRA 2026: Wie intelligente Wasserfiltration Betriebsabläufe vereinfacht

Der Wasserfilterspezialist BRITA nutzt die INTERGASTRA 2026 in Stuttgart für die Präsentation mehrerer Neuheiten aus dem Profi-Segment. Im Mittelpunkt stehen digitale Überwachungssysteme, die den Filterwechsel automatisieren, sowie spezialisierte Lösungen für Spülmaschinen und Dampfgargeräte. Messebesucher können sich von Live-Demonstrationen überzeugen und frisch zubereitete Kostproben genießen.

Weitere Artikel zum Thema

Markus Spiske, Unsplash
Pauschale Benefits verpuffen wirkungslos, weil sie die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter ignorieren. Lebensphasenorientierte Personalführung betrachtet stattdessen die aktuelle Lebenssituation: Berufseinsteiger brauchen Sinnstiftung und schnelles Feedback, Mitarbeiter in der Familienphase verlässliche Planbarkeit, erfahrene Kräfte körperliche Entlastung[...]
Markus Spiske, Unsplash
Ketut Subiyanto, Pexels
Junge Mitarbeitende prägen ihre Einstellung zu Sicherheit und Gesundheitsschutz in den ersten Monaten ihrer Ausbildung. Betriebe, die diese Phase nutzen, investieren in eine Kultur der Prävention. Die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe hat dafür ein umfassendes[...]
Ketut Subiyanto, Pexels
Skillsoft
Fachkräftemangel, steigende Gästeanforderungen und digitale Transformation: Das Gastgewerbe braucht neue Lernkonzepte. Leena Rinne von Skillsoft erklärt, wie kurze, praxisnahe Trainings Mitarbeitende stärken und langfristig binden können.[...]
Skillsoft
Qualiteam Personal GmbH
Viele Hotels verlieren neue Mitarbeitende bereits vor ihrem ersten Arbeitstag. Fehlende Struktur, Arbeiten im ständigen Überlastungsmodus und mangelnde Wertschätzung prägen schon die Ankommenszeit just gewonnener Arbeitnehmer. Solche Zustände erhöhen das Risiko schneller Kündigungen und schwächen[...]
Qualiteam Personal GmbH
Vardan Papikyan, Unsplash
Steigende Gästeerwartungen, komplexere Kostenstrukturen und Fachkräftemangel – das Food & Beverage Management in Hotels und der gehobenen Gastronomie steht vor wachsenden Herausforderungen. Gleichzeitig macht dieser Bereich oft 30 bis 40 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Wer[...]
Vardan Papikyan, Unsplash
Unser Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit regelmäßigen Informationen zum Thema Gastgewerbe. Ihre Einwilligung in den Empfang können Sie jederzeit widerrufen.