Ich erfüllte mir 2018 meinen größten Traum: Ich gründete mein eigenes Event- und Cateringunternehmen, arbeitete als Foodstylistin und Rezeptautorin und brachte Menschen mit gutem Essen zusammen.
Kurz vor der Pandemie wagte ich den nächsten Schritt und übernahm ein historisches Gasthaus. Ein Herzensprojekt und gleichzeitig meine mutigste unternehmerische Entscheidung, nicht ahnend, was mich nur wenig später erwarten würde. Corona! Was ein neues Kapitel hätte werden sollen, wurde zu einem jahrelangen Ausnahmezustand. Zwischen Lockdowns, Förderanträgen, Steuerberatern und der ständigen Hoffnung auf zugesagte Hilfen versuchte ich, meinen Gästen weiterhin das zu geben, wofür ich all die Jahre gearbeitet hatte. Nach außen lief der Betrieb, doch im Inneren wuchsen Druck und Schulden unaufhaltsam – zwischen Existenzangst, Leidenschaft, meiner Verantwortung als Mutter und dem Willen, einfach weiterzumachen. Im Herbst 2023 erreichte diese Achterbahnfahrt ihren Tiefpunkt. Die Hilfen blieben aus, weil Unterlagen nicht fristgerecht eingereicht worden waren. Gleichzeitig explodierten die Energiekosten, und die Verbindlichkeiten aus den Lockdowns nahmen mir endgültig die Luft zum Atmen. In dieser Woche brach alles zusammen.
„Ich stand im Chaos und dachte: Wenn ich schon nicht verhindern kann, was passiert, dann wenigstens, wie ich damit umgehe.“
Ich merkte, dass ich raus musste. Luft. Abstand. Einen Moment, um wieder klar zu sehen. Also packte ich meine damals sechsjährige Tochter und wir flogen nach Portugal. Zwei Wochen, ein Rucksack, ein Roadtrip. Und die leise Entscheidung im Hinterkopf: Dort würde ich herausfinden, wie es weitergeht.
Ich hatte seit Jahren keinen Urlaub mehr gemacht. Und plötzlich war da wieder so etwas wie Leben. Wir ritten am Strand in den Sonnenuntergang, lernten Menschen kennen, sammelten Erinnerungen, für die in unserem Alltag zwischen Doppelschichten, Nanny-Übergaben und dem Leben als alleinerziehende Mutter nie Platz gewesen war. Tagsüber Abenteuer. Und abends, wenn meine Tochter schlief, saß ich am Strand und schrieb. Pläne. Strategien. Rettungsversuche. Doch je leichter sich die Tage anfühlten, desto schwerer wirkten meine Notizen. Unstimmiger. Weiter weg von dem, was sich plötzlich richtig anfühlte.
Ich erinnere mich an einen Anruf von meiner Bank, mitten in dieser Zeit. Eine nüchterne Stimme, ein paar sachliche Sätze und mein Körper reagierte, als hätte jemand den Boden unter mir weggezogen. Die Panikattacke kam wie eine Welle, lautlos, aber unübersehbar. Und zum ersten Mal begriff ich: Ich konnte nicht mehr zurück in dieses Leben.
Denn anders, als viele glauben, ist mit einer Insolvenz nicht plötzlich alles vorbei. Gerade wenn ein Unternehmen noch Umsätze erzielt, gibt es Wege, es zunächst weiterzuführen.
Am letzten Abend saß ich wieder am Strand, an dem selbst mein Nervenzusammenbruch den Meerblick genoss.
Ich nahm mein Notizbuch, gefüllt mit all den Ideen, wie ich meinen Traum retten könnte und verbrannte es.
In diesem Moment traf ich eine Entscheidung, die ich lange vor mir hergeschoben hatte: Ich würde Insolvenz anmelden.
„Insolvenz ist kein Scheitern, es ist ein ehrlicher Schlussstrich.“
Wenn man das Wort Insolvenz hört, denken viele an das Ende. An gescheiterte Existenzen, an Fehler. Ich habe das lange genauso gesehen, denn kaum ein finanzielles Thema ist so negativ behaftet.
Doch die Realität ist differenzierter. Insolvenz bedeutet nicht automatisch, dass jemand versagt hat. Manchmal bedeutet es vielmehr, dass jemand zu lange versucht hat, alles aufrechtzuerhalten, zu lange Verantwortung getragen, zu lange gekämpft hat. Bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr darum geht, weiterzumachen, sondern eine Entscheidung zu treffen. Eine unbequeme. Aber oft die ehrlichste.
Auch bei mir war die Insolvenz nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende eines langen Prozesses, in dem ich alles versucht hatte, um mein Unternehmen zu halten. Und genau darüber wird viel zu selten gesprochen:
Insolvenz ist selten der erste Schritt, sie ist meistens der letzte. Ein Schritt, der Mut erfordert. Und die Bereitschaft, sich ehrlich mit sich selbst auseinanderzusetzen, denn irgendwann habe ich mir eine Frage gestellt, die alles verändert hat:
„Was mache ich aus dem, was mir bleibt – jetzt, wo ich so viel verloren habe?“
Scham, Angst und Überforderung. Gefolgt von Unsicherheit, Kontrollverlust, und ja, noch mehr Scham.
Ich werde den Tag meiner ersten Insolvenzberatung nie vergessen. Bei kaum einem anderen Termin sitzt man so da wie dort: verletzlich, angespannt, mit dem Gefühl, dass jetzt alles auf den Tisch muss. Selbst das Honorar wird bar bezahlt – verständlich, denn auch ein Anwalt möchte am Ende nicht selbst zum Gläubiger werden.
Und dann sitzt du in diesem Gespräch. Gehst Schritt für Schritt den Prozess durch, hörst zu, wie dein eigenes Leben plötzlich strukturiert, sortiert, analysiert wird.
Doch mitten in all der Schwere war da etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: eine leise Erleichterung. Denn ab dem Moment der Eröffnung nimmt das Verfahren seinen Lauf. Einen Lauf, den man selbst nicht mehr vollständig kontrollieren kann.
Ich hörte auf, alles festhalten zu wollen. Und begann, mich in diesem System zu bewegen, statt dagegen anzukämpfen.
Mitten in diesem Prozess versuchte ich, meine eigenen Werte nicht zu verlieren: Ehrlichkeit, Vertrauen, Authentizität. Denn plötzlich ging es nicht mehr nur um meine Existenz, sondern auch um die meiner Gläubiger.
Ich hätte mich zurückziehen können. Die Kommunikation komplett meiner Kanzlei überlassen. Abtauchen. Aber ich entschied mich bewusst dagegen.
Ich suchte das Gespräch. Mit meinem Team, meinen Lieferanten, Partnern, Menschen, die mich über Jahre begleitet hatten. Und genau das war der härteste Weg. Jeder einzelne Moment, in dem ich persönlich aussprechen musste, dass es nicht mehr weitergeht, hat Kraft gekostet. Dazu kamen die Kämpfe mit Ämtern und Behörden, die versuchten, mir unerlaubte Handlungen anzuhängen, als hätte ich heimlich Nachts die Kasse geplündert.
Am Ende kommt es auf eines an: gut vorbereitet zu sein. Auf jeden Fight.
Und genau das hat mir ein Stück Kontrolle zurückgegeben. Weniger als 24 Stunden nach der Insolvenzanmeldung saß mein Insolvenzverwalter bei mir im Wohnzimmer. Wir tranken zusammen einen Kaffee. Ein Moment, der sinnbildlich für diese Zeit war: zwischen Unsicherheit und Realität.
Er begrüßte mich freundlich und sagte einen Satz, den ich nicht vergessen werde: „Wir werden die nächsten drei Jahre viel miteinander zu tun haben – und keine Sorge, ich nehme Ihnen heute nicht alles weg.“
Doch was mich am meisten überrascht hat, war nicht das Verfahren an sich. Es war, wie sehr sich mein Umfeld veränderte.
Plötzlich wurde es still.
Menschen, die vorher selbstverständlich Teil meines Lebens waren, meldeten sich nicht mehr. Manche verfolgten lieber den Presseartikel, als das Gespräch mit mir zu suchen.
Und gleichzeitig wurde alles klarer. Und ein bisschen leichter. Die Insolvenz hat mein Umfeld radikal sortiert.
Übrig geblieben sind die Menschen, denen ich wirklich am Herzen liege. Eine Zeit, in der sich alles neu ordnete und in der meine Familie mein größter Halt war.
Karriere-Neustart mit Pfändungstabelle
Inmitten dieses Chaos geht es irgendwann nicht mehr nur darum, was war – sondern darum, wie es weitergeht. An die Zukunft zu denken, während gefühlt alles zerbricht, war für mich die größte Herausforderung.
Wie können die Arbeitsplätze meines Teams gesichert werden? Und vor allem: Wie würde meine eigene Zukunft aussehen?
Denn anders, als viele glauben, ist mit einer Insolvenz nicht plötzlich alles vorbei. Gerade wenn ein Unternehmen noch Umsätze erzielt, gibt es Wege, es zunächst weiterzuführen.
Für mich bedeutete das, zwei Welten gleichzeitig zu managen: strategische, unternehmerische Entscheidungen und parallel dazu Bewerbungsprozesse, die meine eigene Zukunft sichern sollten.
In dieser Phase wurde mir klar, dass ich mich von der Arbeitgeberin zur Arbeitnehmerin verändern würde. Und damit stellte sich eine der schwersten Fragen überhaupt: Wer bin ich und was will ich, wenn das wegfällt, was ich mir über Jahre aufgebaut habe?
Wenn ich meinen Traum nicht weiter verfolgen kann?
Und dann kam, ganz leise, eine neue Bewegung. Etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Das Interesse an mir als Mitarbeiterin war groß.
Vielleicht gerade deshalb, weil ich offen mit meiner Situation umgegangen bin. Weil ich nicht versteckt habe, was passiert ist. Weil ich mich gezeigt habe – mit allem, was dazugehörte.
Das Leben als Schuldnerin…
Mit der Zeit kehrte etwas zurück, womit ich lange nicht gerechnet hatte: ein leiser, fast unspektakulärer Alltag.
Nach meinem Umzug, der Übergabe meines Gasthauses an ein neues Team und dem Start in meinen neuen Job entstand zuerst ein Gefühl von Leere.
Denn plötzlich bestand mein Leben nicht mehr aus unternehmerischen Entscheidungen und ständigem Druck. Sondern vor allem daraus, meinen Pflichten im Insolvenzverfahren nachzukommen.
Ein Alltag, der sich gleichzeitig leichter und schwerer anfühlte: leichter, weil der permanente Druck weg war; schwerer, weil ich mich in einer Rolle wiederfand, die ich nie für mich vorgesehen hatte.
Die Pflichten im Verfahren waren klar und überschaubar: Gehaltsabrechnungen einreichen, Kontoauszüge vorlegen, den pfändbaren Anteil abführen. Alles andere lief im Hintergrund weiter, ohne mein Zutun.
Und genau daraus entstand eine überraschende Erkenntnis: Ich musste nicht alles aufgeben. Kleine Normalitäten durften bleiben, sogar ein Netflix-Abo, solange es nicht auf Kredit lief.
Trotzdem brauchte ich Zeit, um in dieser neuen Realität anzukommen. Fast ein Jahr, um mich in meiner neuen Rolle zurechtzufinden: ein Leben ohne unternehmerische Verantwortung, dafür mit einem festen Job als Marketingassistentin in einem Hotel.
Ein Alltag, den ich erst wieder lernen musste. Gleichzeitig begegnete mir Stigmatisierung, allerdings anders, als erwartet. In meinem direkten Umfeld erlebte ich überraschend viel Verständnis, vielleicht auch, weil ich offen mit meiner Situation umging und meine Pfändungen nicht versteckte, sondern transparent machte, auch in Gesprächen über meine berufliche Entwicklung. Eine einwandfreie Schufa hatte ich zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Und trotzdem habe ich erlebt, dass ein transparenter Umgang oft mehr Vertrauen schafft als eine scheinbar perfekte Ausgangssituation.
Als ich nach etwa einem Jahr den nächsten Karriereschritt ging und eine höhere Position in einem neuen Unternehmen übernahm, wurde genau das zu meinem Vorteil: meine Resilienz.
Das eigentliche Stigma spürte ich an anderer Stelle, vor allem im Kontakt mit Institutionen, Behörden und teilweise auch im Bankensystem.
Ich erinnere mich gut an den Moment, in dem ich ein Sparkonto eröffnen wollte. Die Reaktion war weniger Verständnis als Verwunderung „Für was brauchen Sie ein Sparkonto?“
Der Wunsch, trotz Insolvenz Struktur etwas aufzubauen, Rücklagen zu schaffen und langfristig Vermögen zu bilden, wurde nicht ernst genommen. Also kaufte ich mir kurzerhand ein Sparschwein.
Mein Ziel war klar: Ich wollte diese drei Jahre aktiv nutzen und das Gefühl, zurückbekommen, mein Leben wieder selbst gestalten zu können.
Ich begann, mich weiterzubilden, mich beruflich zu entwickeln und bewusst die Grundlage dafür zu schaffen, nach der Restschuldbefreiung finanziell stabiler zu sein. Mein Ziel war klar: irgendwann nicht mehr auf den pfändbaren Anteil angewiesen zu sein, sondern ihn als Rücklage nutzen zu können. Und genau so ist es gekommen. Im Februar 2026 wurde mir die Restschuldbefreiung erteilt.
Jede einschneidende Lebenssituation hinterlässt Spuren. Manche verblassen, andere bleiben. Auch bei mir hat diese Zeit Dinge hinterlassen, die bis heute Teil meines Alltags sind.
Mir fällt es bis heute schwer, meinen Briefkasten zu öffnen. Was für viele eine Kleinigkeit ist, ist für mich immer noch mit einem mulmigen Gefühl verbunden – ein Echo aus einer Zeit, in der jeder Brief schlechte Nachrichten bedeuten konnte. Zu präsent sind die Erinnerungen an Stapel von Briefen, an Forderungen, an dieses Gefühl, dass mit jedem Umschlag etwas Neues auf mich zukommt, das ich bewältigen muss.
Obwohl ich schon lange keine negativen Briefe mehr bekomme, bleibt diese Unsicherheit. Und gleichzeitig gibt es diesen kleinen Moment der Erleichterung, wenn der Briefkasten leer ist.
Gleichzeitig ist daraus etwas Wertvolles entstanden: ein bewussterer Umgang mit Verantwortung, mit Sicherheit und mit mir selbst.
Ich habe gelernt, dass man selbst in den dunkelsten Phasen Gestaltungsspielraum hat. Nicht, weil man unverwundbar ist, sondern weil man wächst.
Und ich habe erlebt, was in vielen Köpfen noch feststeckt: das Bild von Insolvenz als Scheitern, als Makel, als persönliches Versagen. Dabei könnte genau das Gegenteil passieren, wenn wir offener damit umgehen würden. Mehr Transparenz und mehr Gespräche würden Menschen stärken, die an solchen Herausforderungen sonst zerbrechen.
Denn eine Insolvenz ist kein Ende – sie ist ein Wendepunkt.
Wenn wir als Gesellschaft, als Institutionen und als System diesen Wendepunkt ernst nehmen würden, könnten wir Betroffene besser unterstützen und gleichzeitig Prävention betreiben. Insolvenzen würden früher erkannt, früher begleitet, früher abgefedert werden.
Mit Offenheit, Unterstützung und weniger Scham könnte aus einer Krise viel schneller ein Neuanfang werden. Und jeder Mensch hätte die Chance, diesen Weg zu gehen – nicht im Schatten, sondern mit Rückhalt.
5 Dinge, die ich Betroffenen mit auf den Weg geben möchte
1. Holen Sie sich frühzeitig Unterstützung.
Je früher Sie rechtliche und steuerliche Beratung in Anspruch nehmen, desto größer bleibt Ihr Handlungsspielraum. Eine Insolvenz ist kein persönliches Versagen, sondern ein rechtlicher Weg, um wieder handlungsfähig zu werden und neue Perspektiven zu schaffen.
2. Verstecken Sie sich nicht!
So schwer es auch fallen mag: Offene und ehrliche Gespräche mit Familie, Freunden, Mitarbeitenden, Geschäftspartnern und Gläubigern sind meist hilfreicher als ein Rückzug. Transparenz schafft häufig mehr Verständnis, als man zunächst erwartet, und stärkt das Vertrauen in einer Situation, die für viele Beteiligte ungewohnt ist und oft Unsicherheit auslöst.
3. Kümmern Sie sich genauso um Ihre mentale Gesundheit wie um Ihre Finanzen.
Eine Insolvenz belastet nicht nur das Konto, sondern auch den Kopf. Schaffen Sie neue Routinen wie: Sport, Bewegung und bewusste Auszeiten können dabei helfen, wieder Stabilität zu finden. Seien Sie achtsam mit sich selbst und nehmen Sie sich Zeit für Dinge, für die im Unternehmeralltag oft kein Raum blieb. Diese geben Ihnen gerade jetzt Struktur, stärken Ihr Selbstvertrauen und erinnern Sie daran, dass das Leben aus mehr besteht als Zahlen und Verfahren.
4. Trennen Sie Ihre Identität von Ihrem Unternehmen.
Sie sind nicht Ihre Insolvenz. Ein Unternehmen kann scheitern, ihr Wert als Mensch bleibt davon unberührt! Diese Erkenntnis war für mich einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zu einem Neuanfang und durch den Prozess.
5. Nutzen Sie die Zeit als Investition in Ihre Zukunft.
Der Wechsel vom Unternehmer zum Arbeitnehmer oder in eine neue berufliche Richtung ist eine große Umstellung. Fragen Sie sich: Was hat Ihnen an Ihrer bisherigen Tätigkeit besonders Freude bereitet? Welche Fähigkeiten und Erfahrungen möchten Sie weiter nutzen?
Lassen Sie sich von den Bereichen inspirieren, die Ihnen als Unternehmer am meisten Spaß gemacht haben. Bei mir waren es beispielsweise die Vermarktung meiner Marken und das Eventmanagement, deshalb habe ich mich beruflich genau in diese Richtung weiterentwickelt.











