Suche

Unsichere Überlebenschance: Last Call für die Gastronomie

Die Gastronomiebetriebe dürfen in allen Bundesländern schon wieder Gäste empfangen – unter Beachtung der vorgeschriebenen Regeln zu Hygiene und Abstand. Aber gibt es für die Betriebe überhaupt eine Chance, unter diesen Umständen gewinnbringend zu arbeiten? Ute Bühler hat hier große Zweifel und macht dafür fehlende Qualifikationen und Dumpingpreise in der Gastronomie verantwortlich.

Ridofranz | iStockphoto

Nach acht Wochen Corona-Quarantäne dürfen die Menschen endlich wieder einkaufen und im Gasthaus Platz nehmen. Für die Rückkehr der Lebensqualität in den Alltag der Gesellschaft leistet das Gastgewerbe einen hohen Beitrag.

Gewinne lassen sich nicht erwirtschaften

Möbelberge an Tischen und Stühle wandern in die Keller, damit die neue Abstandsregel eingehalten werden kann. Mit dem Verschwinden dieser vielen Plätze sinkt die Umsatzerwartung in Restaurants auf 30-50 Prozent. Gewinne lassen sich damit nicht erwirtschaften. De facto kämpfen die Restaurants im Angesicht des wirtschaftlichen Untergangs gegen Covid-19. Sie beatmen die Gesellschaft und hoffen darauf, dass der eigene Atem lang genug ist.  

Partner aus dem HORECA Scout

Mit Gewinnmargen von 5-15 Prozent lassen sich kaum Rücklagen bilden

Mit Gewinnmargen zwischen 5-15 Prozent konnten kaum Rücklagen gebildet werden. Erst in zwei Jahren sei damit zu rechnen, dass die Gesellschaft durch Impfung vor dem Virus geschützt sei, prognostiziert Anfang Mai SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbauch bei Markus Lanz. Erst dann könne wieder der Normalzustand einkehren. Lauterbachs Prognose lässt Tim Mälzer vor laufender Kamera die Fassung verlieren. Mit einem Schlag wird ihm bewusst, dass kaum ein gastronomischer Betrieb diese Zeit aus eigener Kraft überleben wird. Ohne Unterstützung wird auch er nicht alle 230 Mitarbeiter durch die Krise bringen können.

Danke Tim Mälzer!

Der Aussichtlosigkeit seiner Branche gibt Tim Mälzer wenige Tage später auch in den Tagesthemen und in der NDR-Talkshow mutig sein Gesicht. Er persönlich sei finanziell durch verschiedene Standbeine abgesichert, nicht so der kleine Landgasthof und viele Kollegen. Nachdrücklich fordert er von der Politik kreative Steuermodelle und Perspektiven. Die Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 7 Prozent reiche weder in der Begrenzung auf Speisen, noch in der Summe. Auch sei der Rahmen von 12 Monaten viel zu eng. „Die Gastronomie ist angeschossen, hat ein Pflaster auf der Wunde, aber die Kugel steckt noch im Körper und vergiftet ihn von innen“, bebildert Mälzer die Situation. Mit den geleisteten Steuern, so stellt er heraus, habe die Branche auf ein Krisenkonto eingezahlt. Ebenfalls  wünsche man sich in der Branche Solidarität von Vermietern, da wo es sich um Banken und Immobilienfonds handelt. Da wo beispielsweise nicht der Rentner als Vermieter seinen Lebensunterhalt aus der Einnahme bestreitet. Mälzers Resümee: Die Gastronomie braucht innovative Konzepte und finanzielle Unterstützung – für letzteres sei das Gießkannenprinzip ungeeignet.

Lesen Sie auch
Führung, Management und LeadershipMarketingRevenuemanagement
Wenn der Druck sinkt: Wie Hotels ruhigere Monate gezielt nutzen

Preise erhöhen ja oder nein

„Wir können unsere Gäste jetzt nicht bestrafen und die Preise erhöhen“, sagen die einen. „Wir müssen unsere Zusatzkosten transparent machen und weitergeben“, sagen die anderen. Weitergeben wollen sie die Kosten für zusätzlichen Hygiene- und Lohnaufwand (Bürokratie) und durch Corona bedingte Preissteigerungen für Lebensmittel. Im Netz ärgern sich viele seit langem über die vielen betriebswirtschaftlich Ungebildeten, die die Branche ins Verderben reißen. Diejenigen, die Preissteigerungen von Material-, Miet- und Energiekosten seit Jahren nicht in die Kalkulation einfließen lassen. Ob aus Inkompetenz oder aus Angst, der Kunde Gast würde wegbleiben, ist unerheblich – der Schaden ist der gleiche. Und wo das Gasthaus zum stumpfen Stift unter Preis verkaufe und mit aller Gewalt, mit Selbstausbeutung bis zum Untergang, an Dumpingpreisen festhalte, da müssten Mitbewerber ihre sauber kalkulierten Preise nach unten anpassen, damit ihnen der Gast nicht wegläuft, weil er sie für unverschämt und für viel zu teuer hält.

Themen in diesem Artikel
BetriebsschließungCoronaPreisUmsatz

Den Hinweis „inkl. Mehrwertsteuer und Bedienung“ anwenden

Oft wird der vom Gesetzgeber steuerfrei zugestandene Lohnaufschlag an Weihnachten und Silvester noch nicht in die Kosten einkalkuliert. So wird Mitarbeitern nicht wertschätzend, sondern beschämend deren Alleinlassen ihrer Familie an den Festtagen abgegolten. Seit Jahrzehnten ist der letzte Platz im Branchenvergleich der Gehälter fester Stammplatz der Berufe im Gastgewerbe. Niemanden wundert der allgemeine Lohnfrust in der Branche. Viele Gastronomen sagen, sie würden das am liebsten sofort ändern, wüssten aber nicht wie. Mit allen Schrecken bringt Corona auch Möglichkeiten zu positiven Veränderungen. Im Satz „Mehrwertsteuer und Bedienung sind im Rechnungsbetrag enthalten“ steckt bereits eine Möglichkeit zu handeln. Warum nicht neben der  Steuer den Service in Prozenten und als Eurobetrag ausweisen? Wetten, dass die beiden Zahlen nebeneinander beim Gast Wirkung erzielen?

Keiner kann die komplexen Probleme der Gastronomie im Alleingang lösen

Über Jahrzehnte wurden im Gastgewerbe keine angemessenen Qualifikationen für die behördliche Anmeldung eines Unternehmens eingeführt. Bis heute ist nicht einmal eine abgeschlossene Berufsausbildung notwendig. Einzige Voraussetzung ist die vierstündige körperliche Anwesenheitspflicht bei einer IHK-Unterweisung.  Diese Tatsache begründet alle katastrophalen Verwerfungen, die das System Gastronomie schon vor Corona an den Abgrund geführt hat. Ablesbar auch am Lohntarif, der die Beschäftigten auf direktem Weg in die Altersarmut führt. 

Lesen Sie auch
Welche Rechte und Pflichten haben Unternehmen, die Corona-Hilfen zurückzahlen müssen?

Jetzt oder nie müssen sich verantwortungsbewusste Gastronomen zusammenschließen, um die Verwerfungen gemeinsam an der Wurzel zu packen. Nur so lässt sich Zukunft für Gastronomie gestalten: Es muss eine Bildungs- und Qualifikationsschranke vor die Selbständigkeit gesetzt werden. 

Autorin: Uta Bühler (Kontakt per Mail buehler@sternklasse.de)
1984-2016 selbständig, Hotel und Restaurant Résidence in Essen, 2 Michelin-Sterne, zahlreiche Auszeichnungen für Gastlichkeit u.a Platzierung in Bunte „Die Top Ten kleine Stadthotels in Deutschland“
2002-2016 Herausgeberin Magazin Sternklasse, seit 2017 online
2010-2019 Redaktion „Gerolsteiner Restaurantbestenliste“

Canva
Finanzen und Controlling

GEMA passt TV-Tarif an: Rückerstattungen für Gastgewerbe möglich

Die GEMA hat den Tarif für die öffentliche Wiedergabe von Fernsehsendungen (FS-Tarif) zum 1. Januar 2025 angepasst. Grundlage ist ein Urteil des Oberlandesgerichts München. Die Änderung betrifft unmittelbar die Einstufung von Fernsehgeräten nach Bildschirmgröße und die Art der Berechnung der Vergütung. Für viele Betriebe kann dies zu geringeren laufenden Kosten und zu Rückerstattungen führen.

Online Birds
Künstliche Intelligenz, KI und Automation

Social GEO: Schon wieder nur ein neues Buzzword oder doch entscheidend für eine gute KI-Sichtbarkeit von Hotels?

Die Sichtbarkeit von Hotels verlagert sich zunehmend in KI-gestützte Such- und Empfehlungssysteme. Social GEO – die strategische Optimierung von Social-Media-Inhalten für KI-basierte Entscheidungsprozesse – wird dabei zum entscheidenden Faktor. Philipp Ingenillem, Branchenexperte und Gesellschafter von Online Birds, über die Bedeutung von Social GEO und eine kostenfreie Online-Session im Februar.

DEHOGA Bundesverband
Branche und Trends

DEHOGA launcht digitale Wissensplattform für Mitgliedsbetriebe

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) stellt seinen Mitgliedern ab sofort eine KI-gestützte Mobile App zur Verfügung. Die Anwendung konsolidiert erstmals das gesamte Verbandswissen in einem digitalen Werkzeug – von rechtlichen Grundlagen über betriebliche Checklisten bis zu regionalen Brancheninformationen. Statt mühsamer Recherche erhalten Gastronomen und Hoteliers durch Künstliche Intelligenz sofort aufbereitete Antworten aus verifizierten Quellen.

WWS Wirtz, Walter, Schmitz GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Steuerberatungsgesellschaft
Finanzen und Controlling

Unternehmensverkauf im Gastgewerbe: Übergang in den Ruhestand als strategische und finanzielle Herausforderung

Der Verkauf eines Hotels oder gastronomischen Betriebs aus Altersgründen ist eine komplexe, strategisch anspruchsvolle Transaktion, die fundierte Vorbereitung, wirtschaftliches Augenmaß und Verhandlungsgeschick erfordert. Eine realistische Bewertung, eine frühzeitig durchgeführte Verkäufer-Due-Diligence sowie ein klar strukturiertes Verhandlungskonzept sind zentrale Erfolgsfaktoren auf dem Weg zu einem fairen und tragfähigen Kaufpreis.

Thomas Wagner, Messe Stuttgart
Branche und Trends

INTERGASTRA 2026: Wie das Young Talents Camp der Branche neuen Schwung gibt

Der Fachkräftemangel trifft das Gastgewerbe härter als viele andere Branchen. Die INTERGASTRA 2026 setzt mit dem Young Talents Camp ein deutliches Zeichen: In Halle 7 entsteht ein Erlebnisraum, der jungen Menschen zeigt, welche Perspektiven Hotellerie und Gastronomie bieten – fernab von Hochglanzbroschüren, dafür mit echten Einblicken von Praktikern.

BRITA
Events und Messen

BRITA auf der INTERGASTRA 2026: Wie intelligente Wasserfiltration Betriebsabläufe vereinfacht

Der Wasserfilterspezialist BRITA nutzt die INTERGASTRA 2026 in Stuttgart für die Präsentation mehrerer Neuheiten aus dem Profi-Segment. Im Mittelpunkt stehen digitale Überwachungssysteme, die den Filterwechsel automatisieren, sowie spezialisierte Lösungen für Spülmaschinen und Dampfgargeräte. Messebesucher können sich von Live-Demonstrationen überzeugen und frisch zubereitete Kostproben genießen.

Weitere Artikel zum Thema

Erik Mclean, Pexels
So können Gastgeber in der Nebensaison Nachfrage, Umsatz und Bindung stärken[...]
Erik Mclean, Pexels
Schultze & Braun; MTG Wirtschaftskanzlei
Ende September 2024 mussten Unternehmen, die Überbrückungshilfen erhalten haben, eine Schlussabrechnung einreichen. Nun gehen bei immer mehr Betrieben die entsprechenden Bescheide ein – oftmals mit einer Rückzahlungsaufforderung für die einstigen Hilfszahlungen. Stefan Schwindl von der[...]
Schultze & Braun; MTG Wirtschaftskanzlei
Norbert Braun, Unsplash
Nach den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie, des Ukraine-Krieges und konjunktureller Entwicklungen kam die Erholung für den Tourismusmarkt schneller als erwartet: Im zweiten Quartal 2023 kehrte der globale Tourismus fast auf Vor-Covid-19-Niveau zurück. Gleichzeitig ist der Immobilientransaktionsmarkt[...]
Norbert Braun, Unsplash
ECOVIS
Betriebe müssen ihre Schlussabrechnungen der Corona-Beihilfen bis zum 30. Juni 2023 einreichen. In bestimmten Fällen ist eine Fristverlängerung bis zum 31. Dezember 2023 möglich. Hierfür ist ein Antrag erforderlich, der ebenfalls bis zum 30. Juni[...]
ECOVIS
Freepik
In unserem Hospitality Update informieren wir kompakt ausgewählte Meldungen in der Branche: +++ München hält an Plänen für Bettensteuer fest +++ Bildungspartnerschaft zwischen 25hours Hotels und DHA +++ IT-Sicherheits- und Datenschutz in der Ausbildung +++[...]
Freepik
Unser Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit regelmäßigen Informationen zum Thema Gastgewerbe. Ihre Einwilligung in den Empfang können Sie jederzeit widerrufen.